Aus Brindisi
Am 12. November von Brindisi ausgelaufen, stellten wir uns noch halb die Frage ob wir gleich einen längeren Schlag tun sollten, oder erst mal nur die 45 Meilen bis Otranto. Der Wind tagsüber war aber so schwach und wechselnd, daß wir doch für Otranto entschieden.
Beim Einlaufen in den Hafen, die Genua gerade am Einrollen, riß diese auf etwa drei Meter Länge entlang der Reparatur vom letzten Jahr. Somit war also mehr als eine Entscheidung getroffen.
die Suche nach einem passenden Platz im Gemeindehafen gestaltet sich einfach, denn der ganze Hafen ist voll. Die eine Hälfte beansprucht die hiesige Sektion der Lega Navale und der Rest ist in einer provinzialen Marina angelegt, welcher auch ein ausgedehntes Bojenfeld angehört. Alles in allem Glück, wir bekommen sofort einen Platz zugewiesen, es ist eng, und man hilft uns zwischen rein zu parkieren ohne dabei die benachbarten Plastikboote zu versenken.
Ein Segelmacher – der Einzige – wird ermittelt und einbestellt. Das heißt, er wird die 45 Kilometer hier her fahren, das Segel mitnehmen – am Samstagnachmittag – und es am darauf folgenden Nachmittag repariert wieder bringen. Und dafür wird er sich an uns schadlos halten, was ihm nicht nur das leicht überhöhte Salär sondern auch die öffentliche Beschimpfung von Sergio, dem Stegverwalter, vor all den Umstehenden einbringen wird.
Sergio, wie gesagt, verwaltet die Stege, steht schon morgens um halb Sieben da, hat immer etwas in Arbeit und das bis zum Dunkel werden. Hat aber auch immer Zeit, wenn man was will, soll es auch mal fünf Minuten dauern, weil er gerade seine Schlepphaken bestückt. Für Extras verweist er auf Dino, einem Hang-Around, der auf Anweisung wartet. Dino weiß wo es Gas gibt und fährt einen selbstverständlich mit seinem Auto dort hin. Daß die daran geknüpfte Verhandlung mit der Gashändlerin darin mündet, daß sie 50 Euro Kaution wegen fehlender Tauschflasche verlangt, macht ihn so wütend daß er mir bedeutet, „los, laß uns verschwinden, die ist ja krank im Kopf“. Er meint, „wir fahren ein Stück raus aus der Stadt, da weiß ich noch was“.
Nur fünf Kilometer außerhalb Otrantos kostet die Gasfüllung nicht nur vier Euro weniger, auch von Tauschflasche oder ersatzweise Kaution wird erst gar nicht geredet. Auf der Rückfahrt wird getankt, und daß ich ihm wenigstens was zum Sprit beisteuere, läßt er schon gar nicht zu.
Dino weiß auch einen passenden Internetladen, wo man mit dem eigenen Rechner ran kann (70 Cent/Std) und auch dorthin fährt er einen selbstredend mit seinem Auto.
Sonntagmittag
An einem Sonntagmittag, mein bevorzugtes Lokal ist, gerade mal 13 Uhr 10, schon alles voll besetzt. Und keine Chance, auch eine Stunde später einen Platz zu bekommen. Es ist Sonntag, Familientag, somit ist man als Einzelgast ohnehin schon nicht so gerne gesehen.
Also ausweichen. Am Weg liegt das „Was-weiß-denn-ich del Pescatore“. Gut, das sieht schon gleich etwas fetter aus, aber das ist mir jetzt auch egal. Es ist Sonntagmittag, ich will etwas feines essen und somit ist mir jedes Restaurant, welches nicht gerade in der Stadtmitte liegt, recht.
Ich sollte nicht enttäuscht werden. Die Preise etwas höher, aber schon bei der Antipasti wird klar, daß die sich besondere Mühe beim Sud geben. Anderes weißes Brot wird außerdem serviert. Man hat im Norden keine Ahnung, wie viel verschiedene Sorten Weißbrot es gibt. All jene, die fast gleich aussehen – man muß sie schmecken, um den Unterschied, um vor allem die Verwendbarkeit heraus zu finden. Der Wein nicht so moussierend wie beim „dal Capitano“, aber er schmeckt wie jener bei uns zuhause – ein Bianco aus dem Salento eben.
Als vorhin der Kellner mit mir bei der Platzzuweisung am Tisch des Pescatore vorbei kamen, und dieser etwas verhalten zwar, „solo“ fragte – das Lokal war zu diesem Zeitpunkt echt noch leer und die dachten vielleicht, nach der Antipasti und eventuell noch einer Prima Piatti würde ich bestimmt wieder verschwinden.
Aber da hat dann doch der Wirt die Rechnung ohne den Gast gemacht. Als die Prima Piatti – Pasta mit Venusmuscheln und Kräutern – noch nicht ganz gegessen war verlangte ich schon nach der nächsten Flasche Wein und noch mal der Karte. Vor dem Dessert werdet ihr mich nicht los, ich hatte gerade einen Blick auf die Kuchentheke.
In dieser kurzen Zwischenzeit hat sich das komplette Lokal gefüllt. Da kam mal eben eine Familie rein, sah sich etwas um, sprach über die Sitzverteilung, und als alle eingelaufen waren, saßen da fast dreißig Leute. Dann noch ein paar Vierergruppen und das war’s dann.
Es kommt noch etwas gegrillter Fisch – auch hierbei darf man den Sud nicht außer acht lassen – exzellent auf einander abgestimmte Geschmacksnoten.
Bei der Bestellung des Kuchens bin ich schon leicht betrunken, aber nicht so, daß ich nicht unterscheiden könnte. Und doch, aufgrund meiner hervorragenden Kenntnis des italienischen vielleicht kommt dann der Fruchtkuchen mit, nicht anstatt des Sahnenußkuchens. Mir soll’s recht sein und der Kaffee Americano dazu paßt.
Okay! Betrunken, ein wenig, aber geraden Fußes zur Theke und bezahlen.
Was für eine Hatz
An einem Montagmorgen, Anfang Oktober, rein in die Stadt, zur Autovermietung, zur Edelstahlschlosserei, zum Werkzeugmacher, zur nächsten Edelstahlschlosserei, Werkzeughändler, Hydrauliker, und die Idee, verschiedene Besuche noch einzuschieben, zumindest wo es am Weg liegt. Schlagmüde am Abend, jedoch, wenn ich auf das Erreicht schaue glaube ich, gar nichts gemacht zu haben.
Weiter, weiter, nächster Tag, Übernächster – Material, Teile, Werkzeuge abholen. Zwischendurch Anrufe, „Nein, das geht so auf gar keinen Fall. Komm vorbei, das müssen wir ändern.“ Zwischendurch Briefe, elektrische, aus Hamburg, aus Calais, Nijmegen, von irgendwo auf Mallorca, weitere Bestellungen, Anfragen. Hydraulik, „Ja, das kann ich; nein, nicht stationär, ein Boot. Nein, ich kann das nicht vorbei bringen. Ja, ich weiß was ich mir dabei gedacht habe; nein, so was gibt’s noch nicht. Deswegen will ich das ja probieren; Ja, natürlich werde ich Sie von dem Ergebnis informieren.“
Zweiter, dritter, vierter Tag, ich fahre. Das Auto ist voll. Es hätte noch mehr rein gepaßt, aber der Rest braucht noch Zeit zum Fertigen. Einen Brief in der Tasche, schon vier Wochen alt, von der Marinaverwaltung, „… sie müssen bis zum 15. Oktober verschwunden sein.“ Auch das noch – Krisengespräch bei der Ankunft. Alle Besuche erledigt? Es muß eventuell für fünf Monate reichen. 1500 Kilometer, schnell, schnell.
Die Fahrt war gut und dann – SERAPHINA liegt im spiegelglatten Wasser, genau da, wo sie sein soll, alles ruhig. Auto abstellen, erst mal mit Gitarre und kleinem Köfferchen ins Büro, noch geschlossen, also gut, eine Tür weiter in die Bar.
Ein paar bekannte Gesichter, Hände schütteln, sich freuen, „ja, mach einen Coretto aus dem Kaffee.“ Ein paar Leute von der Guardia di Finanza, Hafennachbarn, sind auch da. „Ja, der mit dem grünen Boot das bin ich; (der Barkeeper übersetzt, er spricht ein wenig Englisch) …nein, meine Papiere zeig ich Dir erst, wenn wir uns draußen wieder treffen, im Hafen, auf dem Meer, wo auch immer. Das hier ist Privatgelände. Aber da Du gerade hier stehst, Dein Hemd gefällt mir, schöne Stickerei. Willst Du tauschen? – Also gut, dann eben nicht. Los, laß uns noch einen trinken, ich bezahl.“
Am nächsten Tag sieht alles im und auf dem Boot und hinten am Steg aus wie beim Umzug, kurz bevor oder nachdem Möbellaster. Es ist grausam, aber all das Zeug soll ich verbauen und verräumen. War das Boot nicht vorher schon voll? Kabel, Lautsprecher, Knäckebrot und Maststufen, Kaffeebohnen, Trockenkräuter und Leinenrollen, Hydraulikschläuche, Korkplatten. Aha, das Taschentelefon ist kaputt, runter gefallen. Irgendwo muß da doch noch eines auf Reserve sein.
Nachdem sich der Bodennebel verzog, scheint die Sonne wieder. Ich stehe am Bug, etwas Wind kommt auf, das Wasser kräuselt sich – SERAPHINA zerrt an den Leinen, tänzelt wie ein Pferd, das aus der Box will.
Wahlempfehlung
Gerade zurück aus der Sommersaison – aha, Deutschland steht vor der Wahl.
Ein Spaziergang durch München, auf dem Grünstreifen neben einer Kreuzung drei große Plakatwände unmittelbar neben einander. Auf der ersten beteuert der weißhaarige Buchhalter, „Deutschland kann mehr“, SPD. Auf der zweiten starrt die Bundesmerkel am Betrachter vorbei und meint,“Wir haben die Kraft“, CDU.
Das dritte Plakat aber, etwas ungewöhnlich vielleicht in der Gestaltungsweise, wie bei den GRÜNEN einst, man schiebt keine Köpfe vor, nur ein Motiv vielleicht, aber der Wahlspruch „Neue Horizonte“ läßt mich innehalten. Neue Horizonte, genau, das ist es, brauchen wir doch tatsächlich, das klingt ja mal nach einer Vision. Diese Partei ließe sich wählen, darauf auch festnageln. Das zugehörige Parteien Logo – LUFTHANSA.
Ciao Italia
Ciao Brindisi, ciao Italia, alles was recht ist, aber wir müssen weiter. Es hat gut getan, hier zu sein, zu essen, zu trinken und den Herrgott einen guten Mann sein zu lassen. Und der Tanz im Mondschein. Westen ist die Richtung, man sagt – ich glaube es ja nicht so richtig – die Balearen wären das Angesagteste überhaupt für diesen Sommer. Einmal Ballermann und dann ins Krankenhaus, oder so.
Mit dem nächsten Norder morgen früh geht’s raus. Und wenn es Lybien wird, was soll´s, dann eben die afrikanische Seite – anyway.
Brindisi, Klappe die 2.
Alles recht und schön, aber es wird auch wieder Zeit, von hier zu verschwinden. Schon wieder zu lange an einem Ort und auch höchste Zeit, um einen Liegeplatz für den Sommer zu finden, und nur vom Lesen und den Bordarbeiten – wieder reichlich angesammelt – füllt sich die Börse nicht. Vielleicht Malta oder gar die Balearen. Was gab´s zu lesen?
Franz Dobler – Johnny Cash, The Beast In Me.
Für all jene, die bisher mit Country-Musik überhaupt nichts anfangen konnten. Ich bin so einer, und hätte nicht der Dobler darüber geschrieben, wäre das auch noch ewig so geblieben. Sicher, das Buch ist nicht mehr taufrisch – zum Siebzigsten von Cash erschienen – aber die Art und Weise wie Dobler das Thema mit der ihm eigenen Sprache behandelt, ist es wert.
Georg Stefan Troller – Dichter und Bohemiens, Literarische Streifzüge durch Paris. „…. heiratete er die um vieles jüngere Jean (Seberg) und verbrachte hinfort, wie er uns einmal klagte, einen Großteil seiner Zeit, um ihr eifersüchtig hinterher zu reisen. …Und auch Gary erschoß sich später in seiner Wohnung, ganz in Rot gekleidet, heißt es. Dieser genialische Flunkerer und Vermummer besaß also auch den richtigen Anzug für seinen Selbstmord …“
Montparnasse, Marais, Montmartre, Saint-Germain- de-Prés und all der anderen, läßt er die Geschichten der Viertel wieder aufleben – gründlich recherchiert und früh genug damit beschäftigt, um einige der Protagonisten noch persönlich kennen gelernt zu haben.
Für fünfzehn Stunden Eisenbahnfahrt genau das Richtige, (Brindisi – München, 89,50 €). Fast nichts ist so günstig wie die TrenItalia.
Anne Ancelin Schützenberger – Oh, meine Ahnen, Wie das Leben unserer Vorfahren in uns wiederkehrt. Selbst wenn man sich nicht für Systemische Therapie interessiert, allemal gescheiter Ansatz, um die eigenen Unarten, Ängste und Obsessionen ein zu ordnen, kennen zu lernen.
Kurze, gemeinverständliche Aufsätze, gut für einstündige Flüge, (Brindisi – Memmingen, 210,- €). Vermutlich wird sich hierbei aber jeder Nicht-Allgäuer fragen, wie, um Himmels Willen er von da aus weiter kommt.
Und was hat das mit „Geschichten vom Wasser“ zu tun? Hab keine Ahnung. Mein Netzmeister hat eine neue Funktion eingebaut. So können Sie jetzt unter: Pages > Kontakt mit mir in selbigen treten.
Unter Pages > Boat ist erstmals ein Foto der SERAPHINA in totale zu sehen. Ansichten dieser Art werden nun von Zeit zu Zeit erweitert.
Der DSST braucht noch dringend Spenden für die Alexander von Humboldt II, daß der neue Kahn auch zügig gebaut werden kann. Auf Kiel gelegt is sie schon. Also los, damit wir auch weiterhin auf so hohem Niveau quengeln können: rein gefasst in die Taschen und raus mit der Marie.
Und da ich gerade dabei bin – ich werde immer wieder darauf angesprochen, mehr Bilder ein zustellen, zumal im kommenden Herbst die Reise eine neue Dimension erhält. Ist da draußen jemand, der, oder die dazu eine NIKON D 300, oder auch eine gut gebrauchte D200 beisteuern möchte. Das wäre der Hit und das momentane Maximum an Werkzeug an Bord. Soweit das Aktuelle.
Weitere Bücher von Franz Dobler:
Bierherz
Nachmittag eines Reporters
Tollwut (vielleicht aus seinen schriftstellerischen
Kindertagen, aber damit zeigt er sich sicher
als einer der Besten seines Jahrgangs)
und noch andere mehr.
Brindisi / Puglia
Wenn Herr Heickel in einem seiner Pilots schreibt, daß diese oder jene Einfahrt bei Nacht problemlos anzusteuern sei, dann hat das durchaus seine Berechtigung und gibt auch Sinn, wenn dabei mindestens zwei andere Faktoren mit berücksichtigt werden: erstens, man verfügt, zusätzlich zum Pilot, über eine gute Karte, und zweitens, man steht nicht schon zwanzig Stunden ununterbrochen am Steuer. In meinem Fall war der anzusteuernde Ort genau am oberen Kartenrand und zu den zwanzig Stunden, na ja, ich muß auf das Ganze nicht näher eingehen.
Flammende Sternenfenster bei Nacht. Irisierende Lichter, schon aus zwanzig Meilen Entfernung zu erkennen – die Kennung mit acht Takten, verwirrend weil unbekannt.
Nach der langen Zeit am Steuer zweifelt das Hirn an dem was die Augen melden. Oder umgekehrt? Rotes Feuer, mit einer Taktung von acht mal blinken, dann etwa zehn Sekunden Pause. Das Feuer ist aber nicht rot sondern nur rötlich, vielleicht sogar eher orange und über die Taktung werde ich mir von Mal zu Mal unsicher. Entgegenkommend, so scheint es, eine breite Reihe von großen Fischern.
Im Pilot steht außerdem etwas von Schießgebiet und einer großen roten Flagge als Tagzeichen. Haben die dann vielleicht ein rotes Feuer bei nächtlichen Aktionen? Das wäre eine Erklärung für das rötliche Feuer. Abstand zur Küste einerseits, zum Feuer, zu den Trawlern. Wo bleibt dann eine Lücke für mich, schießen die wirklich auch nachts – auf was oder wen, rufen die einen vielleicht über Funk an?
Egal, für mich ist überall Platz. Ist ohnehin, alles was da schon zu erkennen ist, bei meiner Geschwindigkeit, noch Stunden entfernt. Aber es zieht sich auch wirklich und ich bin müde. So lange hatte ich mich ums Essen machen gedrückt. Dabei war es nur warm zu machen, weil vorgekocht. Und als ich mich dann aber dazu aufgerafft habe, mitten in der Nacht, und schließlich mit dem dampfenden Teller wieder im Cockpit saß, wars der Himmel auf Erden.
Als fünf Meilen vor der Einfahrt der Morgen graut, ist auch zu sehen, daß das Echolot schon recht hat, wenn es ständig ansteigenden Grund anzeigt – es bringt mich dazu, unverzüglich einen Haken zu schlagen, denn der dunkle Stein da vorn ist ein Schrotthaufen auf einer Untiefe. Die Kette von Trawlern entpuppt sich als auf Reede liegende Tanker und das orangerote Feuer ist tatsächlich Feuer – abgefackeltes Gas aus einem Kamin vor dem Petro-Hafen. Von Taktung und Pause keine Spur.
Mit der Sonne gerade eben über dem Horizont laufe ich in die Hafeneinfahrt von Brindisi.
Brindisi. Am äußeren Absatz des italienischen Stiefels – markiert das Ende der Via Apia. Das waren die Römer. Dafür hat man, vielleicht, römische Säulen an den Kopf einer anmutigen Treppe zur Altstadt gestellt. Von da aus gegenüber, auf der anderen Seite des Hafenarms, ist monumentales Brachialsteinwerk zu sehen, welches den Seefahrern zugedacht ist. Das war der Duce. Der wollte auch mal ein Römer werden und war geschmacklich mit seinem zeitweiligen Freund, einem oberösterreichischen Anstreicher, auf einer Linie. Das war auch länger bevor er schließlich seine Stiefel in die Höhe strecken mußte.
Etwa auf der Hälfte der Strecke der hinteren Bucht, auf der Südseite gelegen das Kastell aus dem ersten Viertel des 13.Jahrhunderts. Erbaut, bzw. beauftragt (wer hat denn schon mal einen Feudalherrscher mit der Kelle in der Hand gesehen?) von Friedrich II., anläßlich des sechsten von acht Kreuzzügen. Vielleicht wollte auch er mal so ein richtiger Römer werden, war sich aber dessen nicht so recht sicher, weshalb er sich für den ihm befohlenen Kreuzzug auch acht Jahre Zeit ließ, selbigen zu starten. Auch das ist Brindisi. Schon damals ein beliebter Ausgangspunkt diverser Aktivausflüge nach Palästina.
Für die bislang letzte Gründung einer Kreuzzugbasis ist übrigens das Jahr 1994 fest zuhalten.
Aber, ich schweife ein wenig ab. Warum das Kastell aktuell erwähnenswert ist – direkt gegenüber befindet sich die Klubanlage der örtlichen Lega Navale.
Auf dem Gelände ist außer der Bar, in welcher man außer dem üblichen Zeug noch ein paar Backwaren und Süßwaren bekommt, nichts los. Stadteinwärts jedoch, den Weg um die Bucht herum, vorbei an einer kleinen Werft, in einer Entfernung von etwa 15 Minuten zu Fuß, findet sich in einer Reihe nicht nur ein Supermarkt, sondern wirklich wichtige Läden wie Frutta e Verdura, Pasticceria, Laboratorio Pasta Fresca, Macelleria, Pesce Fresco – Namen und Bezeichnungen, die einem schon wie Moscato auf der Zunge zergehen. Und genau so sind auch die darin angebotenen Kulinarien.
Und weiter den Weg in die Stadt hinauf, das quirlige Brindisi. Café Bar an Café Bar, Schuhe, Kleider, Hosen, Hemden und mehr oder minder aufwendige Restaurants der „Fast-“ und „Regular Food“ Abteilung. Für Spaziergänger, Flaneure – man kann das machen, aber auch bleiben lassen, es bleibt sich gleich. Aber, da ist dann noch was, unauffällig in einer Seitenstraße, Glastür mit hundert Aufklebern – der unaufmerksame Passant eilt vorüber, ohne es zu bemerken. Ricchiuto, Birreria, vom Bahnhof auf dem Corso Umberto I. kommend links gleich das zweite Haus in der Via San Lorenzo. Drinnen, schmucklos fünf Meter hoher Raum, der vielleicht 1962 das letzte Mal frische Wandfarbe gesehen hat. Gleich rechts Wurstschneidemaschine, kleine Kühltheke mit Käse, Salccica, Salumi, ein Teller voll mit Tramezzini.
„Pizza? Ja, aber erst ab Sieben.“
Zurück, kurz nach Sieben – „Ja, setz dich hin, geht gleich los. Willst du was trinken?“
„Bier wär´ nicht schlecht;“
„“ Zeigt dabei auf einen dieser Glaskühlschränke mit den gängigen Modebiermarken.
„Gezapftes, groß, is mir recht;“
„Gut.“
Der Pizzaofen ist schon geheizt und ein paar Minuten später taucht ein unvorstellbar dicker Pizzabäcker auf. Ein weicher, wackelnder Gang, wie ihn sehr dicke Menschen haben und platziert sich hinter der Theke am Ofen.
Der alte Wirt wendet sich wieder an mich und fragt: „Was soll drauf auf die Pizza?“
„Mmh, alles, so was ihr halt an guten Sachen so habt;“
Die Tatsache, daß ich so gut wie kein Wort seiner Sprache, er nur etwas englisch und der Bäcker überhaupt nur so was von ganz unten südlich spricht, spielt gleich überhaupt keine Rolle mehr. Kopf nicken, hin und her wiegen, Augen verdrehen, die Mundwinkel zum Himmel, zur Seite oder nach unten und natürlich die Handbewegung, bei der sich die übrigen Finger an den Daumen legen. Zwischen mir und dem Wirt, zwischen mir und dem Bäcker und auch zwischen den beiden. Die Bestellung ist perfekt und los gehts. Mit der Fülle seiner drei Zentner macht sich der Bäcker mit unglaublicher Intensität und Zartheit an das Auswalzen des Teigs, belegt mit all den zauberhaften Zutaten und schwupp! ab in den Ofen. Und genau so schmeckt sie dann auch – wunderbar. Das Gleiche noch mal, gleich noch eine hinterher, diesmal vielleicht noch Knoblauch und etwas scharf. Das Ganze ordentlich mit Bier belitert und über den Preis für das Vergnügen will ich gar nicht sprechen, es war so unverschämt günstig.
Szenenwechsel: Filmset. Ein freistehendes Fischrestaurant, unmittelbar neben dem Kastell, ein an sich menschenleerer Platz, bis auf achtzehn Uniformierte, die sich zu gleichen Teilen aus Polizia Municipal, Polizia Stradale und Guardia di Finanza zusammen stellen. Sozusagen Zusammenstellen, denn sie stehen natürlich nicht wirklich zusammen, sondern nach Zugehörigkeit getrennt zu zweit oder zu dritt – lümmeln an ihren Wagen, unterhalten sich, beobachten die Umgegend. Unweit des Eingangs zum Lokal stehen sich mit verdunkelten Scheiben zwei ebenso dunkle Limousinen einer Sindelfinger Kraftwagenschlosserei gegenüber. Zwei in dunkle Anzüge gekleidete Zivilisten mit rasierten Glatzen, vielleicht Fahrer, vertreten sich die Beine. Das Lokal, durch von innen herunter gelassene Rollos, macht einen geschlossenen Eindruck. Aber es ist natürlich nicht wirklich geschlossen – leises Summen einer Lüftung und eine dünne, weiße Rauchfahne aus dem Kamin weisen auf Betrieb – geschlossen nur für die Öffentlichkeit.
Ob es Szene eines A- oder B-Movies wird, vermag der Beobachter …. – nein, kein Film, ganz normaler Samstagnachmittag, Largo Sciabiche, Brindisi.
Die Weltumseglerin
Was ich gerade mache? Neue Polster für den Salon waren zu machen, warten auf besseres Wetter und lesen.
Vom allerersten Buch Wilfried Erdmanns an war sie fester Bestandteil, hatte durchwegs eine tragende Rolle, wurde aber bestenfalls für einzelne Passagen zitiert. So daß bei der Lektüre der Erdmann Bücher immer der leise Wunsch blieb, man möge dazu mal ihre Sicht der Dinge erfahren. Jedoch wer davon eine Schrift in der Art, in der Frauen von berühmten Männern sich zu äußern pflegen, nach dem Motto: Kochen mit …, oder Meine 96 besten Rezepte für die Pantry erwartet, wird enttäuscht.
Salz auf ihrer Haut sei untrennbar mit ihrem Leben verbunden. Mit einer Innenschau, was Segeln, Wasser, Reisen mit dem Boot für sie bedeutet, die Magie des Segelns auf dem Meer, eröffnet sie das erste Kapitel dieses längst überfälligen Buches.
Als Astrid von Heister auf Schloß Neuhaus geboren, in Düsseldorf aufgewachsen, beendete sie ein Studium, begann einen Beruf, lernte im Alicante der späten Sechziger als Mitseglerin ihrer Mutter Wilfried Erdmann kennen, verliebte sich und heiratete diesen wenige Monate nach dessen Rückkehr von seiner ersten Weltumsegelung. „Das war der Anfang vom Ende – vom Ende meines normal-bürgerlichen Lebens“. Beginnend mit drei Jahren Flitterwochen verbrachten die beiden viele Jahre mit und auf dem Meer.
Da ist vom Atlantik die Rede, als er „noch leer war“, von Sturmfahrten, vom Nebel, wenn alles grau in grau ist und „du das Esso Emblem am Schornstein eines Tankers siehst, aber nicht das Drumherum“, vom Treffen (Sextant) und Ankommen nach vielen Tagen auf See ebenso wie monatelanges Herumtingeln im Pazifik. Was machst du in der traumhaften Südsee zwei Wochen auf einer Insel, die du an einem Tag umrunden kannst?
Sie wendet sich ebenso profanen Dingen wie Geld, Zeit, mit Kind an Bord oder Bootskauf zu, wobei sie für letzteres eine Liste liefert, zur gefälligen Abarbeitung. Und das ist gut so, sie schreibt als Frau und setzt Prioritäten, berät, schlägt vor – nie der erhobene Zeigefinger, vielmehr die offene Hand. Knappe, schnörkellose vierundvierzig Kapitel – Information satt, aber der Blickwinkel ist ein anderer.
Und wieso nun ausgerechnet dieses Buch kaufen? Weil sie auch vom Abenteuer, vom Mut, von Traum und Realität erzählt, kein Blatt vor den Mund nimmt, dabei Goethe, Hemingway, Thoreau zitiert, schöne und spannende Geschichten. Von Menschen, Begegnungen, Bildern, vom Schwimmen über dreitausend Meter tiefem Wasser, vor ungebrochenem Horizont, „mitten auf dem Ozean, erscheint einem die Erde riesengroß“. Ozean, worin sich „die Inseln verlieren wie Sterne im Weltraum“. Von Einfachheit, reduziert auf Glück und Freiheit. Falls man das vergessen hat, hier ist es nach zu lesen.
Nichts ist banal, alles lehrreich, Reisen kommt von „to rise“, sich erheben, und Träume leben ist menschliches Grundrecht.
Astrid Erdmann, „Die Weltumseglerin“, Delius Klasing
Die wichtigsten Bücher von Wilfried Erdmann zum Thema:
Mein Schicksal heißt Kathena
Tausend Tage Robinson
Gegenwind im Paradies
Die magische Route
Allein gegen den Wind
Das erste Buch wird gerade noch mal neu aufgelegt, wie ich höre, nach über vierzig Jahren des ersten Erscheinens. Das spricht für sich, gibt manchen eine Chance, da es weithin vergriffen scheint und ist auch wichtig, meine ich, zum Vergleichen, zur Einschätzung, angesichts einer Zeit, in der schon der windigste Bodenseenachen und alles was ein Segel tragen kann, Schiff genannt und mit überbordender unerlässlicher Technik voll gestopft wird.
Auch noch empfehlenswert, vor allem für jene, welche ihre mitsegelnden Partnerin nach der Art, „das habe ich dir doch schon hundert Mal …“, behandeln:
Bettina Haskamp „Untergehen werden wir nicht“, Hoffmann und Campe.
Accommodation
Also ich weiß nicht. Die Zeiten als wir wie beschäftigungslose Gladiatoren durch´s Land zogen und uns mit so allerlei zufrieden geben mußten, sind ja nun auch schon eine Weile her.
Archäologische Ablagerungen
Rastlos, heimatlos wie Odysseus, und weiter: an Deck der SERAPHINA stehend kommt man sich auch vor wie auf dem Isthmus von Ithaka. An einer Stelle stehend, sieht man zu beiden Seiten das Meer – und dazwischen Müll.
Dabei wollte ich nur mal eben Ordnung machen, bevor das Boot zwei Monate verlassen wird. Und im besonderen: das Foreship Castle noch mal trocken legen. Der Zwangslüfter darüber hat sich als ungeeignet heraus gestellt, da überkommendes Wasser dort rein läuft und alles darin befindliche näßt. Alles darin befindliche meint: es war bisher das Lager für alles, was man irgendwie oder irgendwann noch braucht, aber im Moment aus den Augen haben will – Foreship Castle eben. Ein wenig heldenhaft fühle ich mich schon, da es mir gelungen ist, zwei gefüllte Einkaufswagen voll Zeug wegzuschaffen.
Mit der Umschichtung anderen Materials an geeignetere Stellen sind das bestimmt hundertfünfzig Kilo, die da vorn nun nicht mehr „in´s Gewicht“ fallen. Zeug genug, um vorn den Wasserpass um einen halben Meter zu korrigieren – rekordverdächtig , mir rauschen jetzt schon die Ohren.



