Riss der SY Seraphian
SY-Seraphina

Zum Rio

Abgelegt unter: Allgemein — Lukas 3. April 2011 @ 12:42

Um 23.00 am 21. März standen wir vor der Einfahrt zu Fluss, dem Rio Guadiana, so dachten
wir. Einfahrtstonnen, rot und grün, Blinklichter, alles klar, lass uns mal reinschauen,
vielleicht finden wir ja vor oder kurz hinter Ayamonte gleich ein hübsches Ankerplätzchen.

Wie war das noch mit der Einfahrt und der Betonnung, und warum sind eigentlich keine
weiteren Fahrwassertonnen zu erkennen? Genau an die Tonnen halten, denn links und rechts
davon sind reichlich Sandbänke. Aha, Sandbänke, genau das Wort hat mir jetzt noch gefehlt.
Zwei voneinander entfernt liegende dunkle Bereiche, von denen ein jeder der breite Fluss
sein könnte, dazwischen Bereiche mit Massen an Lichtquellen und darin hinein gestreut,
rote und grüne Blinklichter, wie wild durcheinander, vermeintlich an Stellen, wo sie eigentlich
gar nicht sein sollten. Außerdem fehlt die Mauer, der Wellenbrecher, der die Mündung nach
Westen abschirmt, mit rotem Blinklicht an der Kopfseite. In Verlängerung der Mauer, aber an
Land ist der Leuchtturm, 51 Meter hoch, mit weißem Blinklicht. Das alles eigentlich nicht zu
übersehen.

Wassertiefe plötzlich nur noch zwei Meter. Gut, zwei Meter unter der Kielsohle, aber Land.Eins-fünfzig, eins-zwanzig, null-neunzig, fünfzig, dreißig Zentimeter, gmmpf, aufgesessen. Wellen,
Brandung, Welle und wieder frei. Zwanzig Meter weiter wieder fest. Wieder Welle, wieder
frei. Verdammt, nichts wie rum und weg von hier. Und genau den Weg raus – wer’s glaubt – den
wir rein sind.Das ist oberfalsch, irgendwas war uns da entgangen. Aber ein paar Minuten später
sind wir raus, wieder in tieferem Wasser, die Wellen werden ruhiger – Glück gehabt.

Bevor wir noch so einen halbseidenen Versuch wagen, mit Unkenntnis bei Nacht da einzufahren,
entscheiden wir, bis zum Anbruch des Morgens auf und ab zu segeln. Keine rosige Aussicht,
es bleiben noch über sieben Stunden bis Sonnenaufgang, der Wind hat zugenommen, aber es
hilft ja nichts, andere vor uns mussten das auch schon machen. Bei Helligkeit löst sich das alles
wahrscheinlich wie von selbst.Jeder drei Stunden steuern, der andere kann ruhen. An richtigen
Schlaf ist ohnehin nicht zu denken. Mit kleinen Segeln, nur nicht zu schnell, denn das Ganze
müssen wir ja wieder zurück. Nach vier Stunden Wende. Der Wind hat weiter zugenommen, es
steht schon eine ganz anständige Welle, nein, die Richtung hat er auch etwas geändert,
jetzt müssen wir schon ein Dreieck segeln. Und gegen an ist jetzt schon ganz schön nass. Andererseits, da vorn dürfte schon Faro sein. Da könnten wir rein, gleich hinter dem
Wellenbrecher ankern und bei Helligkeit wieder zurück.


Weit vorn zu sehen ist eine Reihe kleiner Blinklichter, dann noch eine. So klein? Klein, oder
weit weg, am besten ausweichen, landseitig liegen lassen. Ich habe noch zwei Stunden,
schicke Suzanne runter und mich ans Steuerrad.Wieder Blinklichter, kleine, also weit weg,
aber man sieht sie schon tanzen auf den Wellen, nicht darin verschwinden. Kleine Lichter,
nah, Netze? Verdammt, rumpel, rumpel, „Scheiei….!“ und übergelegt, und wieder zurück,
und fest. Keine Fahrt mehr. Links und rechts vom Boot, vielleicht je fünfzig Meter entfernt:
Blinklichter, ein weißes und ein grünrotes, etwas weiter weitere weiße. Fast gleichzeitig sind wir wieder vollzählig an Deck. Was tun? Die Wellen drücken uns nieder, das Netz hält feste, und die daran angebrachten Schwimmer rumpeln am Bootsboden, als wollten sie ihn zerschlagen. Geh runter, zerschneide das Halteseil, und dann mal sehen“, meint Suzanne. Kein Weg, das Seil ist wahrscheinlich ein Stahlseil und wenigstens einen Zentimeter stark. Trotzdem nehme ich den Fischhaken und versuche, das Seil zu fangen.
Gelingt mir aber nicht. Das Boot legt sich immer weiter über, die Wellen drücken auch von
hinten und so kommt es zu Bocksprüngen. Aber keiner reicht aus, um frei zu kommen.

Der erste Mayday-Ruf meines Seglerlebens. Mann, ist das peinlich, und mir wird schlecht.

Wir, die so-und-so, haben die-und-die Position und stecken in einem vermutlich Tunfischnetz.
Der Mann am anderen Ende bleibt aber klar und fragt nach Details. Das war Radio Faro.
Etwas später meldet sich Radio Lissabon, kaum zu verstehen, so schlecht ist die Verbindung,
dann wieder Radio Faro. Vier, fünf Mal geht das so hin und her, dann verspricht man, ein
Boot zu schicken.

Warten. Nach einer Stunde des Schaukelns, Rollens und Rumorens sehe ich plötzlich, dass die
Schwimmerreihe des Netzes nicht mehr unter dem Bootsheck, sondern ein paar Meter
dahinter verläuft. Überraschung, Hoffnung, Unglaube.Unter dem Boden rumort es weiterhin,
aber komisch sieht das schon aus.Nach weiteren fünf Minuten wird es still. Der letzte Schwimmer- ausleger hat sich gelöst, wir sind frei. Letztlich hatte sich das Boot unter dem Druck der Wellen
und des Windes so weit übergelegt, dass die Reling des erhöhten Achterdecks schon an der Wasseroberfläche anstand. Das muss bewirkt haben, dass das Boot frei kam, denn anders
lässt es sich kaum erklären.Nun konnten wir die kleinen Segel einholen, dann starte ich den
Diesel. Springt sofort an, läuft rund, Gang rein. Hört sich etwas seltsam an, aber kein Schlagen
kündet von Unwucht und mit etwas mehr Gas nimmt das Boot Fahrt auf. Schwer zu glauben,
aber es scheint alles heile. Sollen wir schon entwarnen? Nach ein paar Bootslängen Fahrt mit
starken Rudereinschlägen – das Boot reagiert gut – greife ich wieder zum Funk, diesmal
erleichtert.
Eine halbe Stunde später bemerken wir ein Boot, das uns anscheinend folgt. Suzanne
kümmert sich darum, und ich um die Position und einen neuen Kurs.

Das Boot, es ist ein Life-Guard, wird uns schließlich in weiter Umfahrung zu Einfahrt der
Lagune von Faro-Olhao geleiten. Dort, bei nun Wind 5 aus Südost, zwei Meter Wellen, die
über dem flachen Grund höher werden, und ablaufender Tide herrscht direkt in der Einfahrt
Brandung und vier Meter Welle.„Es ist Eure Entscheidung“, sagen die beiden Vom Life-Guard.
„Nach elf Uhr wird es wahrscheinlich ruhiger.“ Wir entscheiden, gegen diese Masse nicht
mit lausigen 75 PS angehen zu wollen.