Yachten
Yachten, seien sie auch noch so groß, mit vielen Backskisten, haben einiges zu tun,
wenn sie Welle von der Seite haben.
Und dann raus
Leicht lädiert mit allerlei keinen Verletzungen lag ich nach unserer Ankunft in der Bucht von Gibraltar drei Tage mit Fieber herum. Das Liegen und Ruhen war aber insgesamt gut, so daß ich am vierten Tag schon wieder stark und frech war.
Was haben wir uns Gedanken gemacht, über diese Straße von Gibraltar, wie und zu welcher Zeit wir los müssen um da nicht stecken zu bleiben. Freunde befragt, Bootsnachbarn, im Netz rum gewühlt, gemessen, gerechnet, Tabellen gedruckt und verglichen. Schon in Aguadulce habe ich die Gezeitentafel von Gibraltar auf den Rechner geladen – natürlich ebenfalls auf das SmartPhone – einen Monat vorher, und für die ganze restliche Zeit des Jahres.
Was dabei immer wieder Spaß macht, nicht nur britische Seekarten zu benutzen, sondern auch deren Pilot Books, worin, neben ausgezeichneter Beschreibung eben auch deren ureigenes Understatement zugrunde liegt. Da steht dann zum Beispiel über eine schwierige Passage, vor der schon mancher die Hosen voll hat: “… gerade schwierig genug um interessant zu sein”. Oder in unserem Fall: wenn alle Faktoren berücksichtigt, der Zeitpunkt gewählt und die entsprechende Strombahn, und Du bleibst trotzdem stecken, dann dreh ab und wirf hinter Punta Carnero den Anker in den Dreck, und denk noch mal über alles nach”.
Letztlich war alles einfach für uns. Wind genau aus Ost, zwei Stunden nach Hochwasser mit bereits westsetzendem Strom los, etwas mehr als eine Meile vom Land ab, und die Geschwindigkeit erreicht, die wir brauchten um rechtzeitig, vor Einsetzen des Gegenstroms Tarifa zu runden. Fast unglaublich, wie im Rausch, und das bei fast 14 Knoten, durch’s Wasser.
Seit Tarifa ist alles neu, ein neues Meer, ein neuer Duft – Prost, lass die Gläser klingen.
Nach Gibraltar
Grau, grau, alles grau, Grau in allen Stufen. Regen seit vielen Stunden und dessen Wasser läuft an den Ärmeln herab in die Handschuhe hinein, so dass die Finger bis zum zweiten Glied im Wasser stehen. Kalt, der Wind ist auch kalt. Von Hand steuern, denn der Autopilot macht das schon lange nicht mehr mit – kein Wunder bei den konfusen Wellen und wiederkehrender starker Böen. Dabei übersteuert er immer wieder, und zu lange, und säuft dabei den Strom aus den Batterien.
Die Wellen ungefähr drei Meter hoch, ach, was sind schon drei Meter, in diesen Büchern liest man doch immer von sechs, acht, über zehn Meter hohen Wellen. Und da wird mir schon bei drei Metern mulmig. Egal, im Wellental ringsum gar nichts mehr zu sehen außer Wasser, nur noch Keller, die Wellen dann auch noch von allen Seiten, keine Richtung mehr, kein Rhythmus, jede neunte oder vielleicht auch zwölfte bricht und kommt über, daß das Vordeck – für Sekunden nur, aber es scheint endlos – unter Wasser verschwindet, und somit sind mir drei Meter entschieden hoch genug.
Hin und wieder trifft die Gischt einer an der Bordwand zerschellten Welle ins Gesicht. Seltsam genug, dieses Wasser ist warm. Der nächste Sprüh kommt vom Regen. Nieselregen, Platzregen, Sprühregen, langsamer Regen, schneller Regen. “Der Elektrische Mönch” von Adams kommt mir in den Sinn. Darin ein Lastwagenfahrer einhundertvier verschiedene Arten Regen erkennt. Für Stunden geht das so – oder wie lang – schon seit morgens, halb Sechs. Also schon den größten Teil des Tages.
Alle Stunde nun macht Suzanne eine Position und gibt den Kurs. Ein paar Meilen nach der Höhe Marbella meint sie, wenn’s nicht mehr gehe, könne ich den Hafen Banús ansteuern, aber acht Meilen entfernt. Was jetzt, weiter diesen unmöglichen Acker abfahren oder einen gemütlichen Hafen aufsuchen, unter die Mauer ducken und schlafen. Wir wenden und steuern den Hafen an, wenngleich, acht Meilen zurück ist nicht gerade eine beglückende Aussicht. Ob das die richtige Entscheidung ist? Der Himmel wird immer dunkler, Sicht immer magerer, vereinzelte Wolken berühren fast das Wasser, ziehen auf Höhe der Reling vorbei.
Nach GPS etwa noch drei Meilen von der Hafeneinfahrt entfernt, weniger als eine Meile vom Strand, aber zu sehen ist nichts, kein Umriss, kein Strauch, kein Feuer. Nur Wasser in all seinen Zuständen, soweit das Auge …. aber weit reicht es ja eben nicht. So nah am Ufer wird mir das zu heiß. Schleunigst wenden wir wieder und begeben uns zurück auf Kurs Europa Point.
Nach weiteren zwei Stunden bricht der Wind ab, von einem Moment zum anderen, als hätte jemand ein Tor zugeworfen. Wind weg, ausgeblasen, die Segel schlabbern. Zurück bleibt die empörte See und wir oben drauf. Der Wind, der weht und alles treibt – weg, nicht ein leisester Hauch. Das fühlt sich an wie ausgespuckt. Aber dann, mit einem Mal, ohne das was bläst oder treibt, in völliger Stille hebt sich die Wolkendecke, rasch nach oben, rasch voran und gibt, acht Meilen voraus, den Felsen frei. Gibraltar liegt direkt voraus, aber so richtig direkt – ein Hoch auf meinen Navigator.
Nun gut, der Diesel wird’s schon machen. Das mag nicht so stilvoll sein wie unter Segel, aber mir ist es egal, da vorn liegt Gibraltar und ich werde mir das nicht eine Nacht lang, oder wie lange auch immer ansehen, romantisierend mich davor ergießen, ohne hin zu gelangen.
Eine Meile vor dem Leuchtturm dann setzt der Wind wieder ein, allerdings aus West, zehn Stunden früher als vorher gesagt, direkt auf die Nase und mit einlaufendem Hochwasser. Die Wellen sind so hoch und das Vordeck mit jeder Überkommenden vollständig überspült. Diese letzte Meile, das Boot macht nur noch ganz wenig Fahrt voraus. Ich will unbedingt da rein.
Ich hatte nicht die Kraft, zu sagen: Hey, jetzt laufen wir halb ab oder machen einen Schlag von zwei, drei Stunden Richtung Marokko und kommen dann in der Nacht mit halbem Wind zurück. Ich hatte auch gehörig Respekt vor dem vielen Verkehr und dem Verkehrstrennungsgebiet und den verschiedenen gegenläufigen Strömungbahnen in der Straße.
Beim nächsten Mal aber würde ich etwas in der Art unternehmen. Man muß die Reserven auspacken können.
Fast drin, oder wenigstens schon in der Zielkurve, viel zu spät erkenne ich im Augenwinkel die Gefahrentonne, “Südlich Umfahren”, dann aber sofort ist direkt voraus deutlich das hellgrüne Wasser zu sehen. Heiliger Bimbam, betrifft das auch uns, oder nur die Großen? Inzwischen ist das Wasser unter uns auch schon hellgrün. Die Untiefe hat stellenweise nur drei Meter, unser Tiefgang zwei-dreißig, die Wellen haben über zwei Meter. Also, dabei bedacht, daß eine Welle mit zwei Meter Höhe einen Meter rauf und einen runter geht, ergibt: zu wenig. Im gleichen Moment berührt, verfängt oder bremst etwas die Schraube, ein Geräusch oder Druck, als säßen wir auf geht durch das Boot und wie zur Bestätigung dreht der Bug mit dem Wind weg, das Ruder reagiert nicht mehr. Vom Motor ist bei all dem Gesamtlärm nichts mehr zu hören. Gang raus.
Durch all den Lärm schreie ich einen Befehl, mehr zu mir selbst: “und laß Dir bloß den Einholer nicht ausrauschen.Ganz sachte nur nachgeben.” Was heißt schon Sachte bei all dem Tumult. Dabei scheint der Leuchtturm oder vielmehr der ihn tragende Felssockel schon größer zu werden.
Im gleichen Moment greife ich zur Steuerbord Schot und zerre ein Drittel des Vorsegels aus dem Wickel. Sofort steht es back, der Bug wird zurück gedrückt. Nun steht der Wind von der richtigen Seite, das Ruder greift. Die Schot dichtgekurbelt, mit dem Steuerrad gegen gehalten, das Boot neigt sich, nimmt Fahrt auf und in dem Moment schreit Suzanne: “Ich hör den Motor wieder”.
Irgendeine Hand greift zum Hebel, gibt viel Gas und damit schiebt noch einer mehr zum Moment. Na also, geht doch, war irgendwie alles blitzschnell und genau das Richtige. Noch eine weitere Meile, dann sind wir im ruhigen Wasser. Der Regen hält an. Keine Frage, Gibraltar bekamen wir nicht geschenkt.





