Bodenlos
An sich war ich gewillt und genötigt, im Frühling wieder meine Arbeit aufzunehmen. Das Boot in Spanien an Land gestellt, Aufgaben verteilt und weitere notiert – Rückflug nach Deutschland. Somit sind die Geschichten vom Wasser eigentlich bis auf weiteres im Sommerschlaf. Richtig ranklotzen die nächsten vier oder fünf Monate über, damit sich der Spaß auch wieder finanzieren läßt. Für mindestens zwei Monate stand auch schon wage ein Arbeitsplan fest, das Team auch – frohgemut und sorgenfrei in den Sommer.
Am 12. Mai dann der Sturz. Sofia/Bulgarien. Dabei, mit einem Kollegen eine Gefahrenstelle abzusichern – ein falscher Tritt oder auf dem nassen Deck ausgerutscht, wer weiß das schon, stürzte ich durch die Öffnung. Freier Fall, nein, Aufschlag auf die drunter liegende Gittertraverse.
Und seit dem?
Bergung unter erheblicher Selbstbeteiligung, der rechte Arm hängt dabei wie leblos an mir herab. Kein Gefühl, keine Bewegung möglich, die Gedanken dazu sind schrecklich. Mit der Fahrt ins Krankenhaus kommen auch die Schmerzen. Jede Unebenheit der Straße, jeder Randstein schlägt direkt durch in den Körper. In der Unfallaufnahme viele verletzte, meist ältere Bulgaren. Viel Leiden, Schmerzen, Jammern.
Dann, ein Arzt mit einem Röntgenbild in der Hand, „Ich habe schlechte Nachrichten für Sie. Der Arm ist mehrfach gebrochen, man muß das operieren. Schmerzen. Die Entscheidung, vor Ort operieren zu lassen oder Rücktransport nach Deutschland um dort weiter zu organisieren, wird mir belassen. Ich will von ihm nur wissen, ob sie das hier ohne weiteres machen können und wann. Das mache keine Schwierigkeiten, meint er. Ich stimme zu und so wird ein OP-Termin am nächsten Tag in Aussicht gestellt.
Wie ich später erfuhr: Rich Barr, unser SiteCo, schickte den lokalen Promoter los, alles zu unternehmen, damit „der Mann sofort operiert wird. Einen Tag zu warten ist unverzeihlich“. Eine Stunde später stehen vier Ärzte, einschließlich dem Klinikleiter um das Bett, der Begriff VIP ist heraus zu hören – VIP, das Zauberwort, ansonsten heftiger bulgarischer Wortwechsel aus dem ich nur Dobro (gut) verstehe. Am Ende übersetzt der Ich-werde-Sie-operieren dann ins englische: Man wird Sie jetzt fertig machen, in einer Stunde wird operiert.
Als ich vom Bett auf den OP-Tisch gehoben werde, durchzieht mich rasender Schmerz, als würde ich in Stücke gerissen. Auf dem Tisch liegend, die letzte Wahrnehmung vor der Dunkelheit: über mir an der Raumdecke Blutspritzer, viele hundert. Blutspritzer verschiedener Dichte und Intensität von vielleicht dreißig Jahren.
Beim Erwachen, zurück im Zimmer, der Arm am Bett fixiert. Stef, der Crew Chef, und Tilo stehen am Fußende und sie lächeln. Vielleicht wollen sie damit zeigen, daß ich nicht ganz so schlimm aussehe. Aus beiden Armen führen mehrere Schläuche.
Ans Bett, im Sinn des Wortes , gebunden, nur eine Liegestellung möglich, kommen nach einem Tag schon zu denen im Arm, Schmerzen im ganzen Rumpf.
Nach zwei Tagen, die Kostenübernahme ist wieder ungeklärt, da das Schreiben der Versicherung verschwunden ist. Ein junger Arzt, der sich alle Mühe gibt, blöd und arrogant zu wirken – was ihm auch gelingt – löchert mit Fragen, die längst an anderer Stelle beantwortet wurden. Mehrere der Rückfragen beantwortet er mit „Ich weiß nicht“. Als er dann gefragt wird, wer denn das wüßte, wer denn für Verwaltung und Rechnungsstellung zuständig wäre, antwortet er auch darauf, daß er das nicht wisse. Man sagt ihm nun, langsam und ganz deutlich, wenn er das alles nicht wüßte und eigentlich für das alles nicht zuständig sei, solle er doch bitte jetzt gehen und nicht die wertvolle Genesungszeit verschwenden. Darauf hin verliert er die Fassung und wird laut. Stef und Anna, die Dolmetscherin, haben einiges zu tun, ihn zu beruhigen und aus dem Zimmer zu schicken.
Am Freitag Morgen, kommt nochmal der Operateur, kündigt Verbandwechsel an und stellt in Aussicht, daß ich noch vor Mittag nachhause könne, nicht noch, wie geplant einen weiteren Tag bleiben müsse. „Es liegt bei Ihnen. Ihre Werte sind gut, auch kein Fieber, also spricht nichts dagegen.“
Stef bekommt einen Text mit den Neuigkeiten. Zwei Stunden später steht er mit einem Sack voll Geld im Krankenhaus, Anna im Geleit und beginnt alle Zahlstellen abzuklappern und Rechnungen einzusammeln.



