Cartagena
Wenn in der Schule – was schon eine ganze Weile her ist – vierunddreißig Mitschüler eine andere Ausarbeitung der Hausarbeiten hatte als ich, so war ich mir immer sicher der einzige zu sein, der richtig lag. Egal, ob das Hausarbeiten oder Schulaufgaben, mathematische oder schriftliche Ausarbeitungen, oft schien es so, daß ich der mit der einzig richtigen Lösung war. Ich war jedoch in Wirklichkeit der einzige mit der falschen Variante.
Wenn ich jetzt die Wettervorhersagen lese, und mir darüber klar werde, daß wir noch eine ganze Woche zu bleiben haben, bevor der Wind wieder dreht, ich gleichzeitig aber mitbekomme, daß drei andere Segler, von denen mindestens zwei in die gleiche Richtung wollen wie wir, überkommt mich wieder das Gefühl von den Hausaufgaben. Aber kann das denn sein, daß die so weit aufkreuzen wollen, bzw. heute Nacht ohne Wind dümpeln wollen?
Derweilen bleibt Cartagena anzuschauen, und das lohnt sich allemal. Geschichtsträchtig, dessen bewußt, neugierig und übermütig – welches Adjektiv paßt da nun nicht zu einer Stadt? Einige hochrangige Museen, daraus hervor zu heben besonders, das MUSEO NACIONAL DE ARQUEOLGIA SUBNAUTICO. Vom Architekt schon gleich in den Keller, gleich Sub, gesetzt, die oberirdischen Gebäudeteile dienen nur der Zuführung von Tageslicht und urbanem Gesamtbild. Auf den ersten Blick nahezu leere Räume, wenige ausgesuchte und teils neu gefertigte Exponate an der lichtgefluteten Seite. Assoziative Lichtführung per LED-Video Panele durch Diffusionsfolie erweckt, wandfüllend, in den niederen, dunklen Raumbereichen. eine solche Wand unterbrochen durch großformatige Bildschirme, welche die unterschiedliche Arbeit der Unterwasserarchäologen zeigen. Auf einander aufbauende Stationen und dann, etwas unvermittelt, ein Schaukasten mit restaurierten Fundstücken. Weiter hinten dicke Glaszylinder, salzwassergefüllt und temperiert, mit Fundstücken im Fundzustand.
Interaktive Bildschirme auf Inseln angereiht, bis hin zur quadratmetergroßen Gesamtansicht des Mittelmeeres mit Stichwortspots, ebenfalls interaktiv per darüber hängendem Videobeamer. Da ist nirgends staubige, muffige Altlageratmosphäre.
Und dann – Architektur, urbanes Gesamtbild, die hier arbeitenden Planer schrecken wirklich vor nichts zurück. Historisches Stadtbild, ja, aber deswegen darf man ja trotzdem mit heutigem Wissen und zur Verfügung stehenden Technik arbeiten. Lebhafte, lebenswerte Modernität, Architekts Playground. Hier zeigen sie, was möglich ist und dazu gehören schon auch jene, die genehmigen müssen.
Modern, in Form von Moder ansetzen scheint hier wirklich keinen Platz zu haben. Es erfreut, beglückt mein Auge, der ich aus einer Gegend komme, in der Zuständige wie auch Architekten und Bauherrschaften vor lauter Historischen-Gesamtbid-Gequatsche schon in ihre Sessel hinein modern.
Ich verstehe zu wenig davon und es ginge zu weit, sich auch noch über die Kunst auszulassen. Jede Disziplin hat ihren Platz, jedoch die Skulpteure und die Sprayer fallen, weil im öffentlichen Raum, am meisten auf. Wie schon zuvor auf den Balearen auffiel – Spanien scheint seine Künstler nicht nur leben zu lassen, sondern gewährt ihnen auch Brot und etwas drauf zu schmieren.



