Neue Füllung
Ich weiß ja nicht, wohin das führen wird, aber mein Netzmeister hat zu Beginn dieser Arbeit
unter anderem die Kategorie Technik eingefügt. Und seit heute ist da
nun ein erster, bescheidener Artikel drin.
Mal sehen, ob ich weiterhin auch in Sachen Technik das Eine oder Andere zu sagen habe.
Wellenkupplung
Bei Umbau und Wiederherstellung der SERAPHINA fiel auf: Korrosionsschäden am Rumpf waren enorm, aber unter Wasserlinie noch erträglich. Daß einerseits das Boot zu dem Zeitpunkt schon 27 Jahre auf dem Buckel hatte, und andererseits bei den Korrosionsschutzmaßnahmen sowohl von der herstellenden Werft, als auch später vom letzten Besitzer vor uns, alles falsch gemacht wurde, was man falsch machen kann, und dann auch die elektrische Installation alt, ewig angestückelt und im Ganzen ungeregelt war; dafür hielten sich die Schäden noch in Grenzen.
Die gröbsten Schäden konnten beseitigt werden, oder fielen ohnehin dem Umbau zum Fraß. Was blieb, war der Verdacht auf Potential am Rumpf, zumal eine Minusleitung vom Motorgehäuse an den Rumpf führte. Noch bevor der Innenausbau erneuert wurde, hielt ich mich glücklicherweise moralisch so gefestigt, um an das Thema Neuinstallation der Elektrik heran zu gehen. Maßgeblich daran beteiligt war Wilhelm Greiffs „Stromversorgung an Bord“.
„Minus gehört auf Masse“, diese Kfz-Elektriker Weisheit war auch auf der SERAPHINA verwirklicht und somit auch immer gleich Teil des Problems.
Nachdem alle Kabel neu und zweipolig verlegt waren, eine Schalt- und Verteilertafel eingerichtet, Kapazitäten ordentlich messbar, kam schließlich noch ein – meiner Meinung nach auf einem Stahlboot unverzichtbar – Rumpfkontrollschalter zum Einsatz. Und der brachte auch gleich die ernüchternde Wahrheit: trotz aller Sorgfalt lag immer noch Minusstrom am Rumpf. Sobald die Starterbatterie abgeschaltet wurde, war er weg.
Der Motor auf Gummidämpfern, Kabel sorgfältig verlegt, aber aus Ersparnisgründen, und weil so was in der Türkei schon gar nicht zu bekommen war, verblieb immer noch der alte Anlassermotor mit „Minus auf Masse“. Masse in diesem Fall gleich Motor. Das sollte nicht unbedingt sofort zum Problem führen. Jedoch bei genauerer Betrachtung entdeckte ich daß ja die Verbindung Starterbatterie – Motor – Antriebswelle – Schraube einen perfekten stromführenden Kreislauf ergibt. Also trennen !
Eine elastische Wellenkupplung, die zwar noch eine andere Aufgabe übernimmt würde für unsere Welle etwas über 600 € kosten, die aus Ferrozell – ein heute fast vergessener Kunststoff – angefertigte: sehr viel weniger.
Dazu nötig sind Augenmaß, Schieblehre, Zettel Papier und ein vertrauenswürdiger Werkzeugmacher Betrieb nötig, und das sind in unserm Fall die Gebrüder Winkler, die mir schon in der Vergangenheit so manch kniffliges gelöst haben. Die Idee erklären, Vorschläge dazu hören, Material besorgen – nach weniger als einer Stunde konnten sie die Aufgabe angehen. Zwei identische Scheiben aus 20 mm starkem Material, zwischen den Bohrungen mit der Aussparung für den Schraubenkopf nochmal Bohrungen setzen, so daß insgesamt acht Bohrungen im gleichmäßigen Abstand in die beiden Scheiben gesetzt sind. Dann die Scheiben Rücken an Rücken zu einander und um 45° verdrehen, daß einer Bohrung mit Aussparung eine bloße Bohrung gegenüber steht. Zwischen Getriebe- und Wellenflansche setzen, Schrauben stecken, Unterlegscheiben nicht vergessen und Stopmuttern.
Spätestens jetzt zeigt sich, ob man ordentlich gemessen hat, denn die Bohrungsdurchmesser des Getriebeflansch sind zu denen des Wellenflansch 0,5 mm unterschiedlich.
Auch wenn die Lage des Motors zur Antriebswelle gut ausgerichtet wurde, ist es von Nöten, die nun acht Verschraubungen nach etwa zehn Betriebsstunden in Fahrt nach zu ziehen. Andernfalls wird sich das Loskommen der Wellenverschraubung durch ein leises aber Zahnweh verursachendes Klingeln Kund tun.
Das Ergebnis der ganzen Aktion ist hervorragend, kein Strom mehr am Rumpf und die zu übertragenden Kräfte werden auch im Vollastbetrieb genommen.
Cartagena
Wenn in der Schule – was schon eine ganze Weile her ist – vierunddreißig Mitschüler eine andere Ausarbeitung der Hausarbeiten hatte als ich, so war ich mir immer sicher der einzige zu sein, der richtig lag. Egal, ob das Hausarbeiten oder Schulaufgaben, mathematische oder schriftliche Ausarbeitungen, oft schien es so, daß ich der mit der einzig richtigen Lösung war. Ich war jedoch in Wirklichkeit der einzige mit der falschen Variante.
Wenn ich jetzt die Wettervorhersagen lese, und mir darüber klar werde, daß wir noch eine ganze Woche zu bleiben haben, bevor der Wind wieder dreht, ich gleichzeitig aber mitbekomme, daß drei andere Segler, von denen mindestens zwei in die gleiche Richtung wollen wie wir, überkommt mich wieder das Gefühl von den Hausaufgaben. Aber kann das denn sein, daß die so weit aufkreuzen wollen, bzw. heute Nacht ohne Wind dümpeln wollen?
Derweilen bleibt Cartagena anzuschauen, und das lohnt sich allemal. Geschichtsträchtig, dessen bewußt, neugierig und übermütig – welches Adjektiv paßt da nun nicht zu einer Stadt? Einige hochrangige Museen, daraus hervor zu heben besonders, das MUSEO NACIONAL DE ARQUEOLGIA SUBNAUTICO. Vom Architekt schon gleich in den Keller, gleich Sub, gesetzt, die oberirdischen Gebäudeteile dienen nur der Zuführung von Tageslicht und urbanem Gesamtbild. Auf den ersten Blick nahezu leere Räume, wenige ausgesuchte und teils neu gefertigte Exponate an der lichtgefluteten Seite. Assoziative Lichtführung per LED-Video Panele durch Diffusionsfolie erweckt, wandfüllend, in den niederen, dunklen Raumbereichen. eine solche Wand unterbrochen durch großformatige Bildschirme, welche die unterschiedliche Arbeit der Unterwasserarchäologen zeigen. Auf einander aufbauende Stationen und dann, etwas unvermittelt, ein Schaukasten mit restaurierten Fundstücken. Weiter hinten dicke Glaszylinder, salzwassergefüllt und temperiert, mit Fundstücken im Fundzustand.
Interaktive Bildschirme auf Inseln angereiht, bis hin zur quadratmetergroßen Gesamtansicht des Mittelmeeres mit Stichwortspots, ebenfalls interaktiv per darüber hängendem Videobeamer. Da ist nirgends staubige, muffige Altlageratmosphäre.
Und dann – Architektur, urbanes Gesamtbild, die hier arbeitenden Planer schrecken wirklich vor nichts zurück. Historisches Stadtbild, ja, aber deswegen darf man ja trotzdem mit heutigem Wissen und zur Verfügung stehenden Technik arbeiten. Lebhafte, lebenswerte Modernität, Architekts Playground. Hier zeigen sie, was möglich ist und dazu gehören schon auch jene, die genehmigen müssen.
Modern, in Form von Moder ansetzen scheint hier wirklich keinen Platz zu haben. Es erfreut, beglückt mein Auge, der ich aus einer Gegend komme, in der Zuständige wie auch Architekten und Bauherrschaften vor lauter Historischen-Gesamtbid-Gequatsche schon in ihre Sessel hinein modern.
Ich verstehe zu wenig davon und es ginge zu weit, sich auch noch über die Kunst auszulassen. Jede Disziplin hat ihren Platz, jedoch die Skulpteure und die Sprayer fallen, weil im öffentlichen Raum, am meisten auf. Wie schon zuvor auf den Balearen auffiel – Spanien scheint seine Künstler nicht nur leben zu lassen, sondern gewährt ihnen auch Brot und etwas drauf zu schmieren.
Marilyn auf Cabrera
Cabrera, Ziegeninsel. Als solche eingerichtet von den Römern – ein lebender Vorratsschrank in präfrigeratorischer Zeit. Stille, Zurückgezogenheit, der perfekte Gegensatz zur Polis Palma. Wind, Berge, das Meer, alles geht sehr viel langsamer.
Nationalpark, zu dem man Genehmigung braucht. Wir sehen das nicht so eng, beantragen sie zwar, aber als aus dem zuständigen Büro in Palma keine Antwort kommt, segeln wir trotzdem hin. Es ist ja Winter und solche Massen werden sich dort wohl nicht aufhalten wollen, nehmen wir an. Als wir uns im Inselbüro anmelden, werden wir nach der Genehmigung gefragt, sagen unser Sprüchlein auf und bekommen mit etwas peinlichem Ausdruck die Antwort, daß das leider sehr normal sei. Alba, eine der Angestellten übersetzt den verantwortlichen Schichtführer.
„Aber wir wollen das auch nicht so eng sehen, und Du hast ein großes Lächeln von mir, wegen der Marilyn“, meint er zu mir gewandt. Was immer da aus einer spanischen Redewendung ins englische übersetzt wurde, es hatte seine Bewandtnis damit, daß ich, sofort nachdem wir den Fuß an Land gesetzt hatten, im offenen Fenster eines Zimmers im ersten Stock des Hauptgebäudes eine Bildserie der MM entdeckte und durch mein Teleobjektiv genauer betrachtete. Das wiederum hat der Schichtführer bemerkt und sich gefreut. Er kam zu dieser Serie vor über fünfunddreißig Jahren, als er als Lehrbub der spanischen Nationalparkbehörde auf Lanzarote arbeitete. Es gibt da eine Verbindung: Marilyn, der Photograph, Lanzarote. Möglich, 1957, als sie mit Arthur Miller nach Europa kam, im Zuge der Dreharbeiten zu “The Prince and the Showgirl” mit Laurence Olivier. Weiß ich aber nichts darüber.
Jedenfalls, wir sind willkommen, man zeigt uns die Wege, welche wir allein gehen dürfen, welche, die nur in Begleitung und, das
Museum ist Winters geschlossen, aber wenn wir wollen sperre man für uns auf. Nach drei Tagen wollen wir und „man“ ist Alba und weiblich. Auf dem wenigen Raum des ehemaligen Sitzes der letzten auf Cabrera lebenden Familie zeigt architektonischer Feinsinn Geschichte: Von durchgedrehten Mönchen des Mittelalters, die sich gegenseitig abmurksten, napoleonischen Gefangenen, die zu Tausenden – was wirklich schwer vorstellbar ist anhand der Inselgröße – ohne ausreichend Wasser, Nahrungsmittel und medizinische Versorgung hier gehalten,
schließlich verscharrt und vergessen wurden. Johannes Böckler, dem Flieger, dessen DO 127 in einer Nacht 1944 an Cabreras Küste runter ging und er wahrscheinlich nicht überlebte, seine Leiche aber als einzige nicht gefunden wurde. Er treibt sich seit dem nächtens um das Kastell herum, wissen die Bewohner, und daß er ein Guter sei, vor dem man sich nicht ängstigen müsse;
Wirtschaft, durch – inzwischen ehemalig – Landwirtschaft, auch mit dem Versuch von Weinbau, Fischerei, durch angestammte Rechte bis in die Gegenwart in einem präzisen Rahmen betrieben;
Flora und Fauna, einst und jetzt, mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen und praktischen Arbeit seit zwanzig Jahren. Mehrere natürliche Quellen machen diesen auf den ersten Blick gottlosen Felsen fast zum Paradies.
Ein Fischadler stürzt nicht weit neben dem Boot durch die Wasserdecke und hebt mit Beute in den Fängen gleich wieder ab. Einzig gestört durch die Kostgängerei der Korallenmöven.
Neulich am Markt
Adios Mallorca
Es gäbe noch so vieles zu sehen, so vieles zu besuchen. Allein, die Frühlingsströme setzen ein und somit ist es Zeit zu gehen. Die sechs Wochen Schonzeit gehen dem Ende zu. Heute morgen um Fünf war von drüben, an der Avinguda etwas Grölen zu hören.
Man sollte sich ein nächstes Mal den Winter reservieren.
Mallorca
Kalt, kalt, kalt. Wäre nicht der Statthalter von Palma
und seine Frau, so hätte ich mich dieses ersten Eindrucks
nicht entledigen können.
Angefangen mit der Ansteuerung am 24. Januar, wobei der Ort
sich gegen unsere Ankunft zu sträuben schien.
Wie ein Trugbild schien die Stadt für Stunden nicht
heran rücken zu wollen, verschwand immer wieder
unter windgepeitschten Wolken.
Erste Begegnung mit Marinapersonal, das nicht eine helfende Hand
als erstes reicht, statt dessen einen Rechnungsblock.
Nur mit Mühe war zu erreichen, daß die beiden wieder abzogen,
uns in Ruhe ließen, da wir zu feiern hatten – Wiedersehen
nach einem Jahr.
Zweite Begegnung mit der Marinaverwaltung, die einen Preis
aus einer Liste zog, der mir die Knie weich werden ließ.
Auf meinen Einwand, daß doch Winter sei und sonst nichts los,
bekam ich nur Schulterzucken. Tumbe, stumpfe Augenblicke,
Befehlsempfänger ohne Reflexion.
Wie einst in der Karibik, als auf den Einwand, daß die
(umgerechnet) vier Euro für zwei Tomaten doch sehr viel Geld sei
geantwortet wurde: Wenn Dir das zu teuer ist,
wozu bist Du dann überhaupt hier?
Ein bißchen Atem holen, sich umsehen, der Maschine
Aufmerksamkeit geben. Kaum an Land, ist immer gleich so viel
zu erledigen. Überwältigt vom Monster Bucht-von-Palma.
Das ist was für Erwachsene, nicht für Träumer, denn das Monster
ist gefräßig.
Und dann die Überraschung, ausgerechnet der Königliche Yacht Club,
direkt in der Stadt, unterscheidet zwischen Winter und Sommer.
Freundlich, kompetent, und auch die Frau, die am Wartesteg
erscheint, abschätzt, hilfreich Anweisungen gibt, dann Aktion
erwartet. Einen Moment später steht sie am Platz und hält
eine Leine bereit. Das macht gleich wieder Freude.
Dreimal, und dreimal unterschiedlich kam ich hier her.
Einmal mit dem Flieger, ein anderes Mal mit dem Laster auf einer Fähre
und nun mit dem eigenen Boot. Jedes hat seine eigene Qualität,
aber immer wieder Palma. Palma ist eine Großartige,
einzig schon eine Reise wert.
Und dann eine Landpartie mit dem Auto, gleich zwei
Tage hintereinander. Geruhsam ins Gebirge, leere Straßen, wie gut,
daß sie es sind – so schmal und kurvig.
Mittagessen im Lokal, wo auch die Bauarbeiter sitzen, dazu Wein
und Sonne und unvergleichlich blauen Winterhimmel.
Und auch das wäre eine eigene Reise, hinauf ins Tramontana.
Abseits der Straßen, wo die Wege einsam werden und wild,
würde Ludwig-Salvator, der Erzherzog noch mal daher spazieren.
Der mit seinem Geist, seinem Forscherdrang und seiner Liebe
die Balearen ans Licht erhob.









