Riss der SY Seraphian
SY-Seraphina

Mit halbem Vorsegel durch die Nacht

Abgelegt unter: Allgemein — Lukas 30. November 2009 @ 10:55

Mit eineinhalb Tagen Verspätung, draußen auf dem Meer, meldet sich der Magen-Darm-Infekt bei der Gräfin. Und zwar mit vollem Programm. Was soll man da tun, wenn sie nichts mehr bei sich behält, wenn selbst die Medizin nach ein paar Minuten wieder, noch gekapselt, wieder hoch kommt und über die Reling geht. Und keine Stelle weit und breit, wo man eine Krankmeldung überreichen könnte.
Noch einmal, vor Einbruch der Nacht, verwickelt sich das Vorsegelfall beim Einrollen, kommt aber bei einer Gegenbewegung gleich wieder frei. Und dann ist es schon zu dunkel, um aus der Entfernung da oben noch was Genaues zu erkennen. So möchte ich es lassen können. Mit der Segelgröße, wenn sich am Wind nicht groß was ändert, könnten wir in die Nacht.

Auf der einen Cockpitbank liegt die Gräfin, in Schlafsack und Decken gehüllt mit fiebriger Stirn – da sind die Bootsbewegungen nicht so stark.
Die Lichter der sizilianischen Ostküste zu Rechten, der Wind, raum, stetig – mit halbem Vorsegel durch die Nacht. Einsam und besorgt am Steuer, kein Autopilot und damit aktiv, damit die Müdigkeit nicht übermannt, die Aufmerksamkeit nicht nachläßt. Zur Sicherheit immer einen Wecker auf fünfzehn Minuten vor gestellt.
Wie ernst eine Erkrankung wirklich ist, wenn sie sich beim Einen Stärker als beim Anderen äußert, wer kann das beurteilen ohne Hilfsmittel – ein Arzt vielleicht. Zeit, Hand auflegen. Geräusche der Nacht auf See mischen sich mit Gedanken der Nacht. Eine seltsame Mischung.

Siracusa passieren wir um Drei in der Nacht. Keine gute Zeit, um einen unbekannten Hafen alleine anzusteuern. Klar, kann man schon machen, aber dazu müßte ich dann volle Motorfahrt mit all dem Gedonner machen. Im ersten Morgenlicht schläft der Wind schließlich ein. Also doch Motor. Aber es ist hell, ein neuer Tag und nun nicht weiter, sondern nicht weit ab nach Marzamemi, ein kleiner Hafen fast am südöstlichen Kap von Sizilien.
In Marzamemi, ein im Winter verwaister Ferienort, gibt es außer guten Ratschlägen und teurem Coca Cola nichts, nicht einmal Obst oder Brot.
Später aber bringt mich ein Mann, dessen Frau ich auf deren Motorroller angesprochen habe, in die fünf Kilometer entfernte Stadt. Dort finden sich Apotheke, Bananen und auch sonstige Hilfsmittel, welche Infekte verscheuchen.