Mit halbem Vorsegel durch die Nacht
Mit eineinhalb Tagen Verspätung, draußen auf dem Meer, meldet sich der Magen-Darm-Infekt bei der Gräfin. Und zwar mit vollem Programm. Was soll man da tun, wenn sie nichts mehr bei sich behält, wenn selbst die Medizin nach ein paar Minuten wieder, noch gekapselt, wieder hoch kommt und über die Reling geht. Und keine Stelle weit und breit, wo man eine Krankmeldung überreichen könnte.
Noch einmal, vor Einbruch der Nacht, verwickelt sich das Vorsegelfall beim Einrollen, kommt aber bei einer Gegenbewegung gleich wieder frei. Und dann ist es schon zu dunkel, um aus der Entfernung da oben noch was Genaues zu erkennen. So möchte ich es lassen können. Mit der Segelgröße, wenn sich am Wind nicht groß was ändert, könnten wir in die Nacht.
Auf der einen Cockpitbank liegt die Gräfin, in Schlafsack und Decken gehüllt mit fiebriger Stirn – da sind die Bootsbewegungen nicht so stark.
Die Lichter der sizilianischen Ostküste zu Rechten, der Wind, raum, stetig – mit halbem Vorsegel durch die Nacht. Einsam und besorgt am Steuer, kein Autopilot und damit aktiv, damit die Müdigkeit nicht übermannt, die Aufmerksamkeit nicht nachläßt. Zur Sicherheit immer einen Wecker auf fünfzehn Minuten vor gestellt.
Wie ernst eine Erkrankung wirklich ist, wenn sie sich beim Einen Stärker als beim Anderen äußert, wer kann das beurteilen ohne Hilfsmittel – ein Arzt vielleicht. Zeit, Hand auflegen. Geräusche der Nacht auf See mischen sich mit Gedanken der Nacht. Eine seltsame Mischung.
Siracusa passieren wir um Drei in der Nacht. Keine gute Zeit, um einen unbekannten Hafen alleine anzusteuern. Klar, kann man schon machen, aber dazu müßte ich dann volle Motorfahrt mit all dem Gedonner machen. Im ersten Morgenlicht schläft der Wind schließlich ein. Also doch Motor. Aber es ist hell, ein neuer Tag und nun nicht weiter, sondern nicht weit ab nach Marzamemi, ein kleiner Hafen fast am südöstlichen Kap von Sizilien.
In Marzamemi, ein im Winter verwaister Ferienort, gibt es außer guten Ratschlägen und teurem Coca Cola nichts, nicht einmal Obst oder Brot.
Später aber bringt mich ein Mann, dessen Frau ich auf deren Motorroller angesprochen habe, in die fünf Kilometer entfernte Stadt. Dort finden sich Apotheke, Bananen und auch sonstige Hilfsmittel, welche Infekte verscheuchen.
Noch aufgehalten
Morgens, noch dunkel, erwacht, blitzartig aus dem Bett und schon auf der Schüssel. Diarrhoe. Bis zum Hellwerden noch mehrmals, dann steht fest: da ist nichts mit einfach mal wieder abhauen. Und wozu das nun wieder?
Irgendwann ruft draußen jemand was von Guten Morgen, Hallo, Hallo … Ich sehe nach, es ist ein Taxichauffeur, der mir eine Karte überreicht. Die Karte eines Nautic Shops. Was soll das, brauche ich nicht, hab andere Probleme.
Als die Frau erwacht – es geht ihr gut, also nur ich und somit eine Sorge weniger.
Warten bis die Apotheke öffnet.
Auf dem Salonsofa liegend, einmal nichts tun nur liegen und ruhen. Oben im Großmast, am Vorstag weht ein Bändsel aus. Ein Bändsel? Da ist aber kein Bändsel, nichts sonst, was auswehen sollte. Das Vorsegelfall war gebrochen, ohne Vorwarnung, ohne Drama, vielleicht in der Nacht.
Bis man sich’s versah, waren wir auf dem Weg zum Nautic Shop. Wie zufällig taucht auch wieder der Taxichauffeur auf und will uns bringen. Also gut. Aber besagter Shop hat für Segelboote eigentlich gar nichts, für Motorboote jedoch alles und den nautischen Nippes dazu. Aber die versuchen auch nicht, für das Fall irgendwelchen Quatsch zu verkaufen, sondern verweisen uns auf einen Laden in der Nähe.
Was machen wir für einen Eindruck, oder sind diese Leute hier einfach so – der Laden hat, entgegen seinem Schild, noch geschlossen, und so versucht der Nachbar, ein Druckereibesitzer, den vermißten Ladenbesitzer auf allen möglichen Leitungen telefonisch zu erreichen. Das macht er so lange, bis er ihn endlich in seinem Auto den Hügel herunter rollen sieht. Wir bekommen schließlich was wir brauchen und dazu noch gute Beratung und einige Tipps.
Insgesamt sieben mal sollte ich an diesem Tag noch den Mast erklimmen – Sorgleine war nämlich auch keine mehr vorhanden. Die vor kurzem montierten Maststufen kamen keinen Moment zu früh.
Am Tag darauf also kommen wir los, allerdings auch erst beim zweiten Versuch. Beim Verlassen des Hafens – es weht ein frischer Wind – gleich mal das Vorsegel heraus gezogen, hängt auf der Hälfte fest. Das neue Fall hat sich um Vorstag und Profil gewickelt, und läßt sich auch mit Beten nicht mehr entwirren.
Zurück im Hafen, beim Abschalten des Motors, bemerke ich noch ein klingelndes Geräusch, das da auch nicht hin gehört. Einige Schrauben an der neuen Wellenkupplung haben sich gelöst. Das verwendete FerroCell gibt wohl doch ein wenig nach, so daß die Verbindung lose kommt. Also doch Stopmuttern verwenden und deshalb wird die Gräfin noch mal los geschickt um welche zu besorgen.
In der Zwischenzeit ich schon wieder oben im Mast und dort war es ein Leichtes. Danach das Fall noch besser steif ziehen und schon läuft die Sache wieder.
Reggio di Calabria
Am Freitag, spät abends kommen wir an, 20.Nov.2009.
Was gibt es hier bemerkenswertes?
Der kleine Yachthafen am Eingang des Hafens, eng, gut beleuchtet, proppenvoll. Klar, es ist Winter und auch all die sommerlichen Charteryachten brauchen einen Platz. Da bleibt auch kein Bereich mehr für „Yachts in Transit“.
Bei der nächtlichen Suche nach einem Platz winkt eine kleiner alter Mann zu sich her – in eine winzige Lücke. Nach zwei Anläufen gelingt es auch, zwischen zwei Fischern längsseits (Anker im Hafenbecken sind nicht gern gesehen) zu gehen. Bei dreizehn Metern Boot eine Lücke von dreizehn Meter.
Als wir auf die Frage des Mannes „zwei bis drei Tage“ antworten, meint er, das
wäre dann nicht der rechte Platz. Morgen Mittag würde Wind aufkommen, drei
Tage dauern und uns gegen diese Mauer drücken. Danke, das hatten wir
schon mal und das Ergebnis damals – ein aufgescheuerter Rumpf.
Was sonst? „Na gegenüber!“
„Aber ist das denn nicht für Kommerzielle?“
„Nee, nee, das ist genau für Euch. Dort hinter dem Fischer.“
Nun gut, also wieder raus aus dem Loch. Und ohne den Vorderen oder
Hinteren anzukratzen. Drüben ist es dann doch nicht so einfach, denn da
sind jede Menge Angler, und jeder von denen hat wenigstens drei Ruten im
Wasser. Aber etwas abseits findet sich was, nachdem drei Leinen fast
überfahren waren, mit den entsprechenden Kommentaren der Besitzer.
Der alte Mann war in der Zwischenzeit schon auf die andere Seite herüber
gefahren und half auch hier mit den Festmacherleinen. Ein Liebesdienst, bei
einer Molenhöhe von fast Einsfünfzig über Deckshöhe.
Und danach – „Gehts Euch gut, wo kommt Ihr her, braucht Ihr Wein oder
wollt Ihr was essen gehen? Oder braucht Ihr mein Auto, soll ich Euch wo hin
bringen?“
So viel gutes auf einmal vom völlig Fremden, aber, „danke, brauchen wir
nicht. Gut gemeint, aber können wir Dir vielleicht was anbieten für Deinen
Dienst. Hat uns sehr geholfen.“
„Ach, rauchst Du vielleicht?“
„Nein.“
„Na vielleicht bringst Du mir beim nächsten Einkauf ein paar Zigaretten mit?“
„Ist das alles? Klar, mach ich gerne.“
Und sonst noch bemerkenswertes?
Am nächsten Morgen kommt einer von der Küstenwache und will auch wissen
wie lange wir bleiben. Dann wäre es, meint er, besser, wir würden dorthin hinter den Fischer verholen, denn diesen Platz bräuchte man in der folgenden Nacht um die Fähre festzumachen. Die ruht dann für einen Tag.
„Machen wir doch, kein Problem.“ Und wenn er gerade schon mal da wäre, wäre es vielleicht möglich, daß er uns eine Wettervorhersage besorgen könnte?
„ Ja, die kommt aber nur alle sechs Stunden und gilt für einen Tag.“
„Aber Vorhersage für fünf Tage gibt es doch bei jedem Wetterdienst.“
„Ja, dann sehe ich da mal nach und bringe sie dann.“
Man sollte dann meinen, daß er den nächsten Bericht vorbei bringt, weil er
das ja gesagt hat.
Anyway, es bleibt wieder nur der Gang zum nächsten Internet Cafe, was der Sache dienlich aber nicht gerecht wird, da der eigene Wetterdecoder immer noch nicht richtig arbeitet.
Bemerkenswert ist da in Reggio d.C. noch die Pizzeria, wohl bekannt und wohl auch beliebt weil wohl besucht, dessen Bäcker die wohl schlechteste Pizza im ganzen süditalienischen Bereich backen. Eine Tatsache, die auch dadurch nicht kompensiert wird, daß sie Pizze in Wagenradgröße servieren. Denn wie soll das denn schmecken, wenn sie es mit der Normalgröße schon nicht schaffen. Man hat in den letzten Jahren festgestellt, daß zunehmend auch in den ausgesprochenen Gut-Küchen-Ländern mehr und mehr der Quantität auf Kosten der Qualität freier Lauf gelassen wird.
Bemerkenswert auch die prächtigen Bauwerke, manche von verblassendem Charme, Reih an Reih, von architektonischer Finesse – was dem Flaneur sinnenfreudige Lust bereitet.
Und noch bemerkenswert des Hafens (Passage der Straße von Messina) – durch Rod Heikell hinreichend beschrieben, auch im Falle der Nacht. Wenn während der Passage in besagtem Dunkel, bei eingeschaltetem Autopilot, nicht gleich beide Besatzungsmitglieder dem Schlaf nachgeben, ist das von Vorteil.
Die erste Nacht
Die erste gemeinsame Nacht mit der neuen Geliebten
ist meist aufregend. Man tastet sich gegenseitig heran, vorsichtig,
vielleicht aber auch ganz wild.
Und manch einer fragt sich schon währenddessen was sie wohl
zum Frühstück nimmt – Tee oder Kaffee, falls sie so lange bleibt.
Wahrscheinlich wenige haben die Chance, mit ein und derselben Geliebten
ein zweites Mal die erste Nacht zu haben.
Ich hatte das, ein zweites Mal die erste gemeinsame Nacht.
Zu zweit auf einem Boot, die ganze Nacht auf See, weit ab der Küste.
Spiegelglatte See, kein noch so kleiner Hauch kräuselt den Saum.
Geräusche der Nacht auf dem Wasser,
selbst der Atem des Meeres scheint zu ruhen.
Aus Brindisi
Am 12. November von Brindisi ausgelaufen, stellten wir uns noch halb die Frage ob wir gleich einen längeren Schlag tun sollten, oder erst mal nur die 45 Meilen bis Otranto. Der Wind tagsüber war aber so schwach und wechselnd, daß wir doch für Otranto entschieden.
Beim Einlaufen in den Hafen, die Genua gerade am Einrollen, riß diese auf etwa drei Meter Länge entlang der Reparatur vom letzten Jahr. Somit war also mehr als eine Entscheidung getroffen.
die Suche nach einem passenden Platz im Gemeindehafen gestaltet sich einfach, denn der ganze Hafen ist voll. Die eine Hälfte beansprucht die hiesige Sektion der Lega Navale und der Rest ist in einer provinzialen Marina angelegt, welcher auch ein ausgedehntes Bojenfeld angehört. Alles in allem Glück, wir bekommen sofort einen Platz zugewiesen, es ist eng, und man hilft uns zwischen rein zu parkieren ohne dabei die benachbarten Plastikboote zu versenken.
Ein Segelmacher – der Einzige – wird ermittelt und einbestellt. Das heißt, er wird die 45 Kilometer hier her fahren, das Segel mitnehmen – am Samstagnachmittag – und es am darauf folgenden Nachmittag repariert wieder bringen. Und dafür wird er sich an uns schadlos halten, was ihm nicht nur das leicht überhöhte Salär sondern auch die öffentliche Beschimpfung von Sergio, dem Stegverwalter, vor all den Umstehenden einbringen wird.
Sergio, wie gesagt, verwaltet die Stege, steht schon morgens um halb Sieben da, hat immer etwas in Arbeit und das bis zum Dunkel werden. Hat aber auch immer Zeit, wenn man was will, soll es auch mal fünf Minuten dauern, weil er gerade seine Schlepphaken bestückt. Für Extras verweist er auf Dino, einem Hang-Around, der auf Anweisung wartet. Dino weiß wo es Gas gibt und fährt einen selbstverständlich mit seinem Auto dort hin. Daß die daran geknüpfte Verhandlung mit der Gashändlerin darin mündet, daß sie 50 Euro Kaution wegen fehlender Tauschflasche verlangt, macht ihn so wütend daß er mir bedeutet, „los, laß uns verschwinden, die ist ja krank im Kopf“. Er meint, „wir fahren ein Stück raus aus der Stadt, da weiß ich noch was“.
Nur fünf Kilometer außerhalb Otrantos kostet die Gasfüllung nicht nur vier Euro weniger, auch von Tauschflasche oder ersatzweise Kaution wird erst gar nicht geredet. Auf der Rückfahrt wird getankt, und daß ich ihm wenigstens was zum Sprit beisteuere, läßt er schon gar nicht zu.
Dino weiß auch einen passenden Internetladen, wo man mit dem eigenen Rechner ran kann (70 Cent/Std) und auch dorthin fährt er einen selbstredend mit seinem Auto.
Sonntagmittag
An einem Sonntagmittag, mein bevorzugtes Lokal ist, gerade mal 13 Uhr 10, schon alles voll besetzt. Und keine Chance, auch eine Stunde später einen Platz zu bekommen. Es ist Sonntag, Familientag, somit ist man als Einzelgast ohnehin schon nicht so gerne gesehen.
Also ausweichen. Am Weg liegt das „Was-weiß-denn-ich del Pescatore“. Gut, das sieht schon gleich etwas fetter aus, aber das ist mir jetzt auch egal. Es ist Sonntagmittag, ich will etwas feines essen und somit ist mir jedes Restaurant, welches nicht gerade in der Stadtmitte liegt, recht.
Ich sollte nicht enttäuscht werden. Die Preise etwas höher, aber schon bei der Antipasti wird klar, daß die sich besondere Mühe beim Sud geben. Anderes weißes Brot wird außerdem serviert. Man hat im Norden keine Ahnung, wie viel verschiedene Sorten Weißbrot es gibt. All jene, die fast gleich aussehen – man muß sie schmecken, um den Unterschied, um vor allem die Verwendbarkeit heraus zu finden. Der Wein nicht so moussierend wie beim „dal Capitano“, aber er schmeckt wie jener bei uns zuhause – ein Bianco aus dem Salento eben.
Als vorhin der Kellner mit mir bei der Platzzuweisung am Tisch des Pescatore vorbei kamen, und dieser etwas verhalten zwar, „solo“ fragte – das Lokal war zu diesem Zeitpunkt echt noch leer und die dachten vielleicht, nach der Antipasti und eventuell noch einer Prima Piatti würde ich bestimmt wieder verschwinden.
Aber da hat dann doch der Wirt die Rechnung ohne den Gast gemacht. Als die Prima Piatti – Pasta mit Venusmuscheln und Kräutern – noch nicht ganz gegessen war verlangte ich schon nach der nächsten Flasche Wein und noch mal der Karte. Vor dem Dessert werdet ihr mich nicht los, ich hatte gerade einen Blick auf die Kuchentheke.
In dieser kurzen Zwischenzeit hat sich das komplette Lokal gefüllt. Da kam mal eben eine Familie rein, sah sich etwas um, sprach über die Sitzverteilung, und als alle eingelaufen waren, saßen da fast dreißig Leute. Dann noch ein paar Vierergruppen und das war’s dann.
Es kommt noch etwas gegrillter Fisch – auch hierbei darf man den Sud nicht außer acht lassen – exzellent auf einander abgestimmte Geschmacksnoten.
Bei der Bestellung des Kuchens bin ich schon leicht betrunken, aber nicht so, daß ich nicht unterscheiden könnte. Und doch, aufgrund meiner hervorragenden Kenntnis des italienischen vielleicht kommt dann der Fruchtkuchen mit, nicht anstatt des Sahnenußkuchens. Mir soll’s recht sein und der Kaffee Americano dazu paßt.
Okay! Betrunken, ein wenig, aber geraden Fußes zur Theke und bezahlen.



