Brindisi / Puglia
Wenn Herr Heickel in einem seiner Pilots schreibt, daß diese oder jene Einfahrt bei Nacht problemlos anzusteuern sei, dann hat das durchaus seine Berechtigung und gibt auch Sinn, wenn dabei mindestens zwei andere Faktoren mit berücksichtigt werden: erstens, man verfügt, zusätzlich zum Pilot, über eine gute Karte, und zweitens, man steht nicht schon zwanzig Stunden ununterbrochen am Steuer. In meinem Fall war der anzusteuernde Ort genau am oberen Kartenrand und zu den zwanzig Stunden, na ja, ich muß auf das Ganze nicht näher eingehen.
Flammende Sternenfenster bei Nacht. Irisierende Lichter, schon aus zwanzig Meilen Entfernung zu erkennen – die Kennung mit acht Takten, verwirrend weil unbekannt.
Nach der langen Zeit am Steuer zweifelt das Hirn an dem was die Augen melden. Oder umgekehrt? Rotes Feuer, mit einer Taktung von acht mal blinken, dann etwa zehn Sekunden Pause. Das Feuer ist aber nicht rot sondern nur rötlich, vielleicht sogar eher orange und über die Taktung werde ich mir von Mal zu Mal unsicher. Entgegenkommend, so scheint es, eine breite Reihe von großen Fischern.
Im Pilot steht außerdem etwas von Schießgebiet und einer großen roten Flagge als Tagzeichen. Haben die dann vielleicht ein rotes Feuer bei nächtlichen Aktionen? Das wäre eine Erklärung für das rötliche Feuer. Abstand zur Küste einerseits, zum Feuer, zu den Trawlern. Wo bleibt dann eine Lücke für mich, schießen die wirklich auch nachts – auf was oder wen, rufen die einen vielleicht über Funk an?
Egal, für mich ist überall Platz. Ist ohnehin, alles was da schon zu erkennen ist, bei meiner Geschwindigkeit, noch Stunden entfernt. Aber es zieht sich auch wirklich und ich bin müde. So lange hatte ich mich ums Essen machen gedrückt. Dabei war es nur warm zu machen, weil vorgekocht. Und als ich mich dann aber dazu aufgerafft habe, mitten in der Nacht, und schließlich mit dem dampfenden Teller wieder im Cockpit saß, wars der Himmel auf Erden.
Als fünf Meilen vor der Einfahrt der Morgen graut, ist auch zu sehen, daß das Echolot schon recht hat, wenn es ständig ansteigenden Grund anzeigt – es bringt mich dazu, unverzüglich einen Haken zu schlagen, denn der dunkle Stein da vorn ist ein Schrotthaufen auf einer Untiefe. Die Kette von Trawlern entpuppt sich als auf Reede liegende Tanker und das orangerote Feuer ist tatsächlich Feuer – abgefackeltes Gas aus einem Kamin vor dem Petro-Hafen. Von Taktung und Pause keine Spur.
Mit der Sonne gerade eben über dem Horizont laufe ich in die Hafeneinfahrt von Brindisi.
Brindisi. Am äußeren Absatz des italienischen Stiefels – markiert das Ende der Via Apia. Das waren die Römer. Dafür hat man, vielleicht, römische Säulen an den Kopf einer anmutigen Treppe zur Altstadt gestellt. Von da aus gegenüber, auf der anderen Seite des Hafenarms, ist monumentales Brachialsteinwerk zu sehen, welches den Seefahrern zugedacht ist. Das war der Duce. Der wollte auch mal ein Römer werden und war geschmacklich mit seinem zeitweiligen Freund, einem oberösterreichischen Anstreicher, auf einer Linie. Das war auch länger bevor er schließlich seine Stiefel in die Höhe strecken mußte.
Etwa auf der Hälfte der Strecke der hinteren Bucht, auf der Südseite gelegen das Kastell aus dem ersten Viertel des 13.Jahrhunderts. Erbaut, bzw. beauftragt (wer hat denn schon mal einen Feudalherrscher mit der Kelle in der Hand gesehen?) von Friedrich II., anläßlich des sechsten von acht Kreuzzügen. Vielleicht wollte auch er mal so ein richtiger Römer werden, war sich aber dessen nicht so recht sicher, weshalb er sich für den ihm befohlenen Kreuzzug auch acht Jahre Zeit ließ, selbigen zu starten. Auch das ist Brindisi. Schon damals ein beliebter Ausgangspunkt diverser Aktivausflüge nach Palästina.
Für die bislang letzte Gründung einer Kreuzzugbasis ist übrigens das Jahr 1994 fest zuhalten.
Aber, ich schweife ein wenig ab. Warum das Kastell aktuell erwähnenswert ist – direkt gegenüber befindet sich die Klubanlage der örtlichen Lega Navale.
Auf dem Gelände ist außer der Bar, in welcher man außer dem üblichen Zeug noch ein paar Backwaren und Süßwaren bekommt, nichts los. Stadteinwärts jedoch, den Weg um die Bucht herum, vorbei an einer kleinen Werft, in einer Entfernung von etwa 15 Minuten zu Fuß, findet sich in einer Reihe nicht nur ein Supermarkt, sondern wirklich wichtige Läden wie Frutta e Verdura, Pasticceria, Laboratorio Pasta Fresca, Macelleria, Pesce Fresco – Namen und Bezeichnungen, die einem schon wie Moscato auf der Zunge zergehen. Und genau so sind auch die darin angebotenen Kulinarien.
Und weiter den Weg in die Stadt hinauf, das quirlige Brindisi. Café Bar an Café Bar, Schuhe, Kleider, Hosen, Hemden und mehr oder minder aufwendige Restaurants der „Fast-“ und „Regular Food“ Abteilung. Für Spaziergänger, Flaneure – man kann das machen, aber auch bleiben lassen, es bleibt sich gleich. Aber, da ist dann noch was, unauffällig in einer Seitenstraße, Glastür mit hundert Aufklebern – der unaufmerksame Passant eilt vorüber, ohne es zu bemerken. Ricchiuto, Birreria, vom Bahnhof auf dem Corso Umberto I. kommend links gleich das zweite Haus in der Via San Lorenzo. Drinnen, schmucklos fünf Meter hoher Raum, der vielleicht 1962 das letzte Mal frische Wandfarbe gesehen hat. Gleich rechts Wurstschneidemaschine, kleine Kühltheke mit Käse, Salccica, Salumi, ein Teller voll mit Tramezzini.
„Pizza? Ja, aber erst ab Sieben.“
Zurück, kurz nach Sieben – „Ja, setz dich hin, geht gleich los. Willst du was trinken?“
„Bier wär´ nicht schlecht;“
„“ Zeigt dabei auf einen dieser Glaskühlschränke mit den gängigen Modebiermarken.
„Gezapftes, groß, is mir recht;“
„Gut.“
Der Pizzaofen ist schon geheizt und ein paar Minuten später taucht ein unvorstellbar dicker Pizzabäcker auf. Ein weicher, wackelnder Gang, wie ihn sehr dicke Menschen haben und platziert sich hinter der Theke am Ofen.
Der alte Wirt wendet sich wieder an mich und fragt: „Was soll drauf auf die Pizza?“
„Mmh, alles, so was ihr halt an guten Sachen so habt;“
Die Tatsache, daß ich so gut wie kein Wort seiner Sprache, er nur etwas englisch und der Bäcker überhaupt nur so was von ganz unten südlich spricht, spielt gleich überhaupt keine Rolle mehr. Kopf nicken, hin und her wiegen, Augen verdrehen, die Mundwinkel zum Himmel, zur Seite oder nach unten und natürlich die Handbewegung, bei der sich die übrigen Finger an den Daumen legen. Zwischen mir und dem Wirt, zwischen mir und dem Bäcker und auch zwischen den beiden. Die Bestellung ist perfekt und los gehts. Mit der Fülle seiner drei Zentner macht sich der Bäcker mit unglaublicher Intensität und Zartheit an das Auswalzen des Teigs, belegt mit all den zauberhaften Zutaten und schwupp! ab in den Ofen. Und genau so schmeckt sie dann auch – wunderbar. Das Gleiche noch mal, gleich noch eine hinterher, diesmal vielleicht noch Knoblauch und etwas scharf. Das Ganze ordentlich mit Bier belitert und über den Preis für das Vergnügen will ich gar nicht sprechen, es war so unverschämt günstig.
Szenenwechsel: Filmset. Ein freistehendes Fischrestaurant, unmittelbar neben dem Kastell, ein an sich menschenleerer Platz, bis auf achtzehn Uniformierte, die sich zu gleichen Teilen aus Polizia Municipal, Polizia Stradale und Guardia di Finanza zusammen stellen. Sozusagen Zusammenstellen, denn sie stehen natürlich nicht wirklich zusammen, sondern nach Zugehörigkeit getrennt zu zweit oder zu dritt – lümmeln an ihren Wagen, unterhalten sich, beobachten die Umgegend. Unweit des Eingangs zum Lokal stehen sich mit verdunkelten Scheiben zwei ebenso dunkle Limousinen einer Sindelfinger Kraftwagenschlosserei gegenüber. Zwei in dunkle Anzüge gekleidete Zivilisten mit rasierten Glatzen, vielleicht Fahrer, vertreten sich die Beine. Das Lokal, durch von innen herunter gelassene Rollos, macht einen geschlossenen Eindruck. Aber es ist natürlich nicht wirklich geschlossen – leises Summen einer Lüftung und eine dünne, weiße Rauchfahne aus dem Kamin weisen auf Betrieb – geschlossen nur für die Öffentlichkeit.
Ob es Szene eines A- oder B-Movies wird, vermag der Beobachter …. – nein, kein Film, ganz normaler Samstagnachmittag, Largo Sciabiche, Brindisi.



