Wieder auf der Werft
Was gibt es für neue Bilder? Keine neuen Bilder, oder eine ganze Menge, aber es sind auch alte Bilder. An manchen der letzten Tage glaubte ich mich wieder am Anfang und das will bestimmt keiner sehen. Oder ich will es nicht herzeigen.
Es fing mit dem Leck auf Rhodos an, welches ein weiteres zu Tage brachte. Die anschließende Notreparatur brachte erst mal etwas Ruhe in dieser Sache. Zurück in der Marmaris Yacht Marina entbehrte es nicht einer gewissen Komik, als ich im Büro meinen Wunsch nach raus heben vorbrachte, daß man einen Termin im März vereinbaren wollte. „Jetzt ist das vollkommen unmöglich, wenn sie nicht im Sommer schon einen Termin gemacht haben“.
„Ähh, tschuldigung, da ist ein Leck im Rumpf. Das muß schnellstens repariert werden“.
„Das verstehe ich schon, aber sehen sie, wir haben so viele Vorbestellungen, … also im März würde uns das viel besser rein passen“.
Nun also doch, das Boot ist inzwischen an Land, die Arbeiten begonnen und: weiß jemand, wie das ist, wenn man erst einmal einen Arzt aufsucht, der findet auf jeden Fall und immer was. Am Sonntag war es ein Gang durch das Fegefeuer – da glaubte ich doch, den letzten Winter mit wirklich aller Sorgfalt vorgegangen zu sein – am Mittag war die Trennscheibe auf der Flex. Stück raus aus dem Rumpf und nach einem geeigneten Ersatz gesucht. Der Schnitt tat weh, im Hirn, nicht im Herzen. Drüben bei der Werfthalle wo sie den Katamaran gebaut haben, fand sich passendes Material. Da hat mir dann der Türke noch das Blech geschenkt und auch zurechtgeschnitten, „Paßt schon, nimm mal mit, das geht schon in Ordnung. Wenn Du sonst was brauchst, komm ruhig.“
Und weil ich so schön am finden und schneiden war, fand sich gleich noch ein verstecktes Leck – noch ein Blech. Und es war gut so, und es tat auch gut, die Elektroden rein zu braten und zu wissen, das hält, das ist fest und gut, da darf auch mal was dran donnern. Blieb dann aber auch noch, den ganzen Unterwasserbereich abzuschleifen. Dreizehn Meter mal, im Schnitt, einsfuffzig mal zwei Seiten, Kiel und Ruder noch dazu. Eine Arbeit für Straftäter, oder vielleicht gehirngeschädigte Bodybuilder, mit der großen Flex, überkopf Strich über Stich von vorne bis hinten und umgekehrt und rauf und runter. Rot, Blau, Grün, Schwarz, so waren die Schichten und das, von der Schleifscheibe in feine Dreckpartikel zerhackt zentimeterdick auf schwitzender Haut, in den Haaren, um und auf der Schutzbrille, dem Mundschutz.
Also, jede Menge Bilder. Aber wer soll die knipsen.
Rhodos – fast Symi – Rhodos
Dabei wollte ich nach Tilos. Die Arbeiten in der Werft von Rhodos waren soweit für´s Erste getan. Was nichts daran ändert, daß die Ansicht des Unterwasserboots ein Schock war. All die Arbeit umsonst. Mittags dann endlich los, leider kein Wind, also erstmal unter Maschine und etwas später Besan und die Genua dazu, denn schaden kann das nicht.
Drei Stunden später, die Maschine läuft nur noch mit halber Kraft mit, als sie sich nach kurzem Hochdrehen verabschiedet. Nahe der Insel Symi, aber immerhin herrscht genug Wind um zu segeln. Wohin? Das Kloster Panormitis an Symi´s Südwestseite hat eine flache Bucht mit etwa fünf Metern Tiefe. Die braucht es, da das Problem mit der schwachen Ankerwinsch noch nicht gelöst ist. Zwanzig Meter Kette von Hand aufholen reicht auch, es müssen keine sechzig sein. Aber aus dieser Bucht, ohne Motor komme ich da nie mehr weg. Hätte ich aber mal besser gemacht, denn durch meine eigene Schusseligkeit verursacht, wie sich später herausstellen wird, wäre es ein leichtes gewesen, dort das Malheur zu beheben.
Ich aber entscheide zurückzusegeln, zurück nach Rhodos in die Nähe von Werkstätten. Wenn es läuft, komme ich dort irgendwann mitten in der Nacht an. Dort zu ankern, ohne Winsch, ist ein leichtes. Bald aber setzt der Wind jedoch aus, schläft vollkommen ein, das Boot treibt manövrierunfähig in unterschiedlichen Strömungen, dreht sich manchmal hilflos mehrfach wie ein Karussell. Daß der Sprit im Tagestank zu wenig sein könnte und durch die Bootsbewegungen Luft angesaugt wurde, darauf kam ich selbst nicht. Wegen des starken Frachterverkehrs traue ich mich aber auch gar nicht für mehrere Minuten nach unten. Dann wird es dunkel, eine Nacht auf dem Wasser steht bevor. Die Aufgabe: Kurs halten, so gut es geht und von den Küsten fern zubleiben.
Um Strom der ohnehin schwachen Batterien zu sparen, bleiben die Laternen aus. Nur wenn ein Schiff auf meinen Kurs kommt, werden die Segel mit der Taschenlampe angestrahlt. Frische Trockenakkus, heißes Wasser mit Teebeuteln und Kekse im Cockpit. Im Bewußtsein, die ganze Nacht wach bleiben zu müssen, kommt trotzdem irgendwann die Müdigkeit, übermannt, und daß die offenen Augen nur starrer, eingerasteter Blick sind, hinter dem der Geist schläft, wird man gewahr, wenn man, durch welchem Reiz auch immer, hoch schreckt.
Ein Boot das keinen Antrieb hat auf Kurs zu halten ist Schwerarbeit. Regen und starker Wind ist für die Nacht angesagt, und das kommt dann auch, kurz nach halb ein Uhr morgens. Aber nicht einfach nur Regen, sondern Gewitter. Na wenigstens Wind, das bringt Fahrt, hilft steuern und von der Küste abzuhalten. Riesige dunkle Wolkenhaufen verhängen immer mehr die türkische Küste, Lichtergewirr von Rhodos.
Blitze erhellen die Nacht und verfärben das Dunkel, Blitze in allen Formen, gezackt wie im Bilderbuch, verzweigt, gelblich weiß, oder als orangefarbene statisch fünffach aufgereite Säulen direkt ins Wasser. Grellweiß manche, so nah, daß anschließend die Augen sekundenlang mit Schwärze überzogen sind. Faszinierendes Schauspiel, wäre da nicht der Umstand, daß ich, mitten drin in einer gewissen Not.
Schiffe kommen näher, welcher von denen sieht mich, sieht mein leuchten? Nackte Angst zuweilen. Aber der Gewitterwind bringt auch Antrieb, somit Arbeit, für eine halbe Stunde vielleicht, dann ist wieder Stille, nur das bewegte Wasser erinnert noch daran.
Wie viele von den zwölf Stunden Dunkelheit sind schon vergangen? Zu wenige, daran ändert auch nicht fünf-minütliches auf-die-Uhr-sehen. Wer weiß schon, wie lange zwölf Stunden Dunkelheit dauern können. Das GPS zeigt wieder nichts an, sucht immer noch nach Satelliten. Wenn ich jemand anfunken könnte und berichten von meiner Lage – dieser Jemand würde mich fragen: „Wo befinden Sie sich, wie ist Ihre Position?“
Ich könnte antworten: „Auf dem Meer, irgendwo zwischen …“
Ich sehe Fahrtrinnentonnen, wo gestern noch keine waren, das Gefühl für Entfernungen verschwindet vollständig und auf dem Vordeck unterhalten sich immer wieder Leute, manchmal auch hinter dem Boot, nur wenige Meter entfernt. Einmal, als ich mich schon kurz vor der Hook wähne, an der die Badestrände sind, zieht, wie ein Fächer sich zusammen, eine Kette von fünf hell erleuchteten Kreuzfahrtschiffen vorbei, scheinbar um die Südseite der Insel herum, ohne die Stadt anzulaufen. Das finde ich seltsam.
Als es schließlich hell wird, das Licht jedoch noch weiter durch eine hohe Wolkenbank zurück gehalten, ist in der Entfernung ein Motorradfahrer zu erkennen, der am Strand entlang fährt. Sehr komisch, warum macht er das, und mit so hoher Geschwindigkeit? Nach einer Weile, als die Augen sich wieder an das Licht gewöhnt haben, Entfernungen besser einschätzen, das Hirn auch immer besser wieder zur Mitarbeitet bereit ist, entpuppt sich der Motorradfahrer als einmotoriges Flugzeug, das in dem Moment abhebt. Ernüchternd, festzustellen, es ist der Flughafen, und die ganze Nacht des bloßen Kurshaltens und zweier rasanter Gewitterfahrten haben mich noch nicht einmal zehn Meilen weit voran gebracht.
Dann endlich ist für einen Moment rundum kein Schiff zu sehen. Wenn ein Schiff an der Kimm auftaucht, angenommen auf meinem Kurs, kann mich in etwa fünfzehn Minuten erreicht haben. Die Bootsbewegungen im Schwell immer noch sehr stark, aber wenn alles gleich klappt, müßte die Arbeit in zehn Minuten getan sein und alles wieder verschlossen. Zehn Minuten freier Raum innerhalb der Kimm ist gut.
Mit der Reparaturanleitung in der Hand gehe ich nochmal die Einzelnheiten des Entlüftens eines Dieselmotors durch, präge mir die Schritte ein und dann geht es runter in die schaukelnde Grube. Und dann wirklich, nach weniger als zehn Minuten, beim zweiten Startversuch, in dem Moment als die Batterie schlapp machen will, erwacht Rudolf Diesel, eiert eine Weile, stottert, spuckt, dann brüllt er.
Mal kurz noch einkaufen
Es sieht nicht gerade enorm aus, so bei Dunkelheit ein Leinen aufzuziehen, aber kann irgend jemand nachfühlen, wie das ist, nach zwei vollen Jahren wieder ein Segel aufzulegen, so zu tun, als ginge es los. Es ist in der Tat erhebend, aber vielleicht nur der, der die ganzen bangen Stunden im Kreuz hat, fühlt den Moment.
Sonntag zeitig bei Sonnenaufgang raus, bevor der große Trubel los geht, denn Zuschauer wollte ich keine, und so war ich, als die Menschen erwachten, schon draußen in der Ausfahrt der Bucht. Marmaris hinter mir. Erst mal nur Genua und Besan, mal sehen was sie macht und wie sich das an fühlt. Und es war auch wirklich großartig, all das, das tiefblaue Meer, der Himmel, das Boot und die Felsen von der anderen Seite. All die neuen Dinge ausprobieren, schauen, da sein.
Nachmittags dann in Rhodos das Übliche: Stadthafen voll – damit auch niemand auf die Idee kommt, sich in eine Lücke zu quetschen, hat man dann schon auch lange Leinen quer gezogen – schwelliger Fährhafen, und genau dort wird mein Platz sein, offen zu Wind und Schwell zu zwanzig Euro der Tag. Eine Stunde später umparken, weil noch ein kleineres Kreuzfahrtschiff längsseits gehen will und eigentlich stellt sich dabei raus, daß ein anderer Wichtiger mich überhaupt weg haben möchte, da er „expecting tomorrow several VIPs“. Nur der Umstand, daß ich bereits bezahlt hatte und das die Banknote schon weg war, lies ihn Gnade walten.
Oh, was ist das? Um den Ölstand zu kontrollieren ein Blick in die Motorenabteilung – da steht Wasser bis zur Oberkante der Ölwanne. Schmeckt eigentlich gar nicht salzig, also vielleicht aus den Trinkwassertanks was entronnen. Aber gleich fast hundert Liter? Erst mal abpumpen und der Vorsatz, gleich am Morgen der Sache nach zu gehen.
Am nächsten Morgen, das Wasser war wieder da, gleiche Menge etwa. Schon deutlich beunruhigter beschließe ich, erst mal einzukaufen und dann der Sache auf den Grund zu gehen.
Der Einkauf, oder besser die Beute zum Boot zu bringen und dann zu stauen ist eine schweißtreibende Angelegenheit. Danach geht es auf die Suche nach der Quelle. Dabei mußte ich wieder einmal die Säge zu Hand nehmen, um wirklich sicher zu gehen. Aber ich fand sie schon. In der Wüste ist man sicher erfreut über ein Rinnsal von etwa vier Millimeter Dicke, ich dagegen eher weniger. Nach einigem Überlegen entscheide ich gleich mal vorne bei der Werft anzufragen. Und die meinen dann „Klar, machen wir“, und wir vereinbaren, da sie danach Feierabend machen würden, daß das Boot im Lift hängen bleibt, ich die Arbeit bis zum Morgen aber beendet haben müsse, und dafür würden sie etwas Preisnachlaß gewähren.
Was dann zu sehen war, als der Lift anhob, verschlug mir die Sprache. All die Arbeit am Unterwasserbereich, die ich vermeintlich so sorgfältig ausgeführt hatte – umsonst. Fast das ganze Antifouling von achtern bis vor zum Kiel war verschwunden oder gerade dabei selbiges zu tun. Und zusätzlich, Ruder und Skeg fast blank. Die verwendete Grundierung, fort, war offenbar falsch und die Zinkanoden, nach sieben Monaten im Wasser, fast neuwertig. All meine Gedanken dazu nichtig. Darüber wurde das sofort zu ortende Leck schon fast nebensächlich.
Die Nacht, nach der Arbeit – schwere Gedanken, Selbstvorwürfe.
Am nächsten Morgen, das Boot wieder zu Wasser, ich darf noch etwas bleiben, neben dem Liftbecken vor Buganker um weitere Besorgungen zu tun.
Zwei Stunden später Anker auf und! kennt jemand diese „nnngh, nnngh“ Geräusche, die auch schnell weniger werden? Wie, kein Saft, aber die Maschine läuft doch – etwas mehr Gas vielleicht.
Das Ergebnis bleibt gleich und so bleibt nur, die Kette von Hand aufzuholen. Sechzig Meter 10er Kette von Hand aufholen ist nicht unbedingt spaßig, das ist ausgesprochene Leibesertüchtigung und man schätzt sich glücklich, das in windstiller Atmosphäre und Null Seegang zu tun.
Die Arbeit am Rumpf war eine schnelle Notreparatur und muß demnächst noch besser gemacht werden, außerdem etwas grundsätzliches wie Sandstrahlen und ganz neuen Farbaufbau läßt sich jetzt nicht mehr hinausschieben. Aber nun auch noch die Ankerwinsch – eine Liste beginnt sich gerade wieder zu verlängern.
Neuanfang …
Es gibt hier drei unterschiedliche Preise, meint Alex von der Ship Chandlery, „einen für Türken, den nächsten für alle Ausländer und einen dritten für Ausländer die türkisch sprechen.“ Sie muß es wissen, seit langem hier verheiratet, sagt sie, „deshalb werde ich nicht ganz so beschissen wie Du. Und es wird mit jedem Jahr Tourismus schlimmer.“ Das schnelle Geld.
Und weil dazu noch kommt, daß man sich an keine Abmachung hält (ist die Katze erst aus dem Haus, dann tanzen die Mäuse), läuft irgendwann der Krug über.
„Ich bin dann mal weg“, wie schon der Humorikus ordinaris Kerkeling sagte.
Somit beginnt heute Nacht die Reise.
Na da bin ich …
…wieder. Das Lotterleben des Sommers hat ein Ende. Wenngleich ganz untätig war ich ja nicht. Aus den ursprünglich angesagten sechs Wochen wurden gesammelt dann doch neun Wochen bezahlte Arbeit.
Nach sechs Wochen Tournee habe ich noch ein kleines Häuschen gebaut, – is ja auch was. Und schließlich, der Flieger stand schon fast bereit, noch für drei extra Wochen in die Ukraine nach Kharkov. Wollte mal sehen, was am Ende der Autobahn noch kommt. Es sind noch etwa 1500 km Landstraße, die Autobahn endet nämlich schon kurz hinter Krakau. Einmal die E 40 ganz durch, die endet in Kharkov. Wer der mitteleuropäischen Autobahnen müde ist, oder über deren Qualitäten zuweilen die Nase rümpft, der darf sich ruhig mal den östlichen Teil der E 40 geben. Die ist zwar auch stellenweise mit „M 06“ bezeichnet, was aber nicht heißt, daß man darüber keine Kühe treiben darf. Was aussieht wie asphaltierter Feldweg, oder Baustellenzufahrt und trotzdem Überlandstraße ist, darauf darf man alles – sehen allerdings die uniformierten Wegelagerer ganz anders. Ein höllen Geld hätten wir vermutlich auf der Straße gelassen, ohne die bewaffnete, uns begleitende Miliz. Irgendwann wird das sicher auch eine propere Autobahn, die Arbeit daran wird heftig betrieben.
Das Land mit der größten Dichte an geländegängigen Fahrzeugen ist jedenfalls – eigentlich verwunderlich – nicht die Ukraine, sondern hat die besten Straßen der Welt und so gut wie keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Deshalb sind auch viele der dort bewegten vierradgetriebenen Fahrzeuge tiefer gelegt und verfügen über Reifen, breit wie Teppichläufer. Damit sind dann auch gepflegte 250 km/h auf der Deggendorfer Autobahn drin. Welches Land das ist? Nein, diesmal kein Gewinnspiel, weiß ja ohnehin jeder. Das letzte Gewinnspiel habe ich übrigens selbst gewonnen.
Und was hat das alles mit SERAPHINA zu tun? Eigentlich nur, oder vor allem, daß ich dafür den geplanten Flug umbuchen mußte, da der Termin nicht zu halten war. Zurück zum Boot, die Baustelle SERAPHINA. Deren Maschine immer noch nicht eingebaut ist – waren ja nur sieben Monate Zeit – aus deren Schaltschrank immer noch mehr Kabelenden zu quellen scheinen, deren Geräte eines nach dem anderen zu schwächeln scheinen.
Baustelle SERAPHINA
Da bin ich also wieder. Das Herzstück, dessentwegen ich vergangenen Sommer arbeiten ging, steht betriebsfertig in Mehmets Werkstatt, läuft auch sauber wie ein Uhrwerk, ist aber eben nicht eingebaut. Allerhand Gründe dafür wurden vorgebracht, aber was hilft denn das, es war anders ausgemacht. Aber sobald man aus dem Haus ist, machen die Buben eben was sie wollen. Ich werde mich damit abfinden, nun nochmal zwei Tage Leute an Bord zu haben, die ich nicht sehen will. Alles übrige wird eben bis dahin und danach dann wieder gemacht.
Montagmorgen
Seit einer Woche wieder am Werk und seit gestern Mittag am Liftbecken. Was samstags nicht mehr zu organisieren war – Verlegung am Montagmorgen – plötzlich lagen die Schubbserjungs mit ihrem Schlauchboot an meiner Seite und meinten „Mach los, wir hätten jetzt gerade Zeit“. Nichts lieber als das und danach sofort Mehmet anrufen und versuchen, ihm Beine zu machen.
Wo bleibt die Liebe
Anhand dessen, daß der sich entwickelnden Technik so viel
Gewicht beigemessen, die ganzen Erleichterungen und
Einsparungen stattfinden und somit Zeit und Gelegenheit für
die Wichtigkeiten des Lebens geschaffen und vorhanden – wo
bleiben die Annehmlichkeiten, die wichtigen Dinge, wo bleibt
die Poesie, die Lyrik – wo bleibt die Liebe?
Von wegen Mai, und neu
Alles neu macht der Mai – von wegen, welcher Mai ist damit gemeint? Es sollte alles fertig sein, einbaufertig, unser Motor. Vier Wochen waren Zeit dafür. Die vier Wochen, in denen ich mir überlegen wollte, ob es sich lohne, noch mal mit einer Bark in das Kapergeschäft einzusteigen. Der Graf aus Thüringen war seinerzeit ja auch zwar spät aber recht erfolgreich.
Aber zurück in türkische Gewässer, oder besser an türkische Stege. Da dachte ich schon, daß mein Mechaniker der erste Handwerker wäre, der nicht sofort, bevor er sich an die Arbeit macht nach Geld schreit, und habe mich noch darüber ausgelassen wie angenehm das sei. Dem war aber nicht so. Er hat wohl darum gebeten, ganz leis um etwas Vorschuß, für die zu erwartenden Fremdleistungen. Anyway, es blieb ungehört, unbeantwortet und somit die Arbeit ungetan. Die Überraschung war gelungen.
Dreieinhalb Wochen Zeit – da war doch ganz hinten so ein Gedanke an segeln, von wegen Maschine rein – zwei Tage, und dann raus aus dem Loch. Der Segelmacher müßte ja auch schon darauf warten, liefern zu können. Aber auch das war nicht so, denn zehn Wochen ist vielleicht ein wenig knapp für ein paar einfache Reparaturen. Um etwas vor zugreifen – nach weiteren zwei Wochen wurden die Segel dann geliefert, man hatte allerdings vergessen, den Auftrag dazu durch zulesen. Und wieder zurück. Das ist vermutlich das, was Frank Ph. von der Firma Sail & Service in Marmaris im TO-Magazin als „Frischer Wind“ bezeichnet hat.
Dreieinhalb Wochen Zeit um nichts zu tun, Ferien zu machen, oder auch die Holzarbeiten weiter zu treiben und eventuell die Elektrik zu beginnen. Der neue Gasherd, ein gebrauchter, steht schon so lange im Weg und dieses Kochen auf einer lauwarmen Spiritusflamme ist einfach nicht mehr zu ertragen. Für den Einbau des Neuen war aber die Küche etwas zu zersägen und wiederum aus einigen Altteilen andere, neue zu machen. Nach dem Photo wird der Betrachter vielleicht glauben, der Herd
wäre ein hundertjähriger, das liegt aber nur daran, daß das Fabrikat ein amerikanisches ist, so alt ist er nun auch wieder nicht. Das Benutzen des selbigen macht wirklich Freude, die Küche hat sich schlagartig gewandelt. Vorbei, die Zeiten der Ein-Gang-Eintopf Menüs, es kommen wieder diese Feinheiten auf den Tisch, die einer kurzen scharfen, oder einer gleichmäßig kleinen Flamme bedürfen, und das aber gleichrangig nebeneinander – vom Backrohr einmal abgesehen. „Sollten wir noch diese Schalotte, feingewiegt und angedünstet mit Madeira ablöschen, dem Wurzelfond zufügen um dann drei klitzekleine Löffelchen Soße an die Taubenbrust zu streichen?“
Zwischendurch auch immer wieder mal ein Schluck Farbe an eine Wand, an ein Stück Sperrholz, oder wo auch immer noch welche fehlt. Und dann doch – ein regnerischer Sonntag verführt dazu, man bleibt zu hause und sucht sich die Zeit zu vertreiben mit vielleicht ein wenig Wasser aus der Bilge schöpfen (wegen des noch offenen Cockpitbodens) oder putzen – die Elektroverteilung, der heilige Gral im Gewand des neuen unscheinbaren Schränkchens am Navigationstisch. Funkelneue Schalttafeln und Apparate harren ihrer Erweckung, so lange schon. Und jedes Mal wenn ich daran vorbei schlüpfe, scheinen sie mir zu zurufen „na Kleiner, was is, komm ran und mach mal, es ist Zeit, trau dich!“ Bereit, die höheren Weihen Thors, oder wer war noch gleich der Anführer der Stromschläge und Funkensprüher, zu empfangen, stürzte, nein schlich ich an diese einhundertelf Kabelenden, die da aus dem Schrank quollen.
Genug darüber gelesen und Fachleute befragt hatte ich ja, daß ich mich, vielleicht dann schon etwas kleinlauter, daran machen konnte. Ein, zwei Kabelenden sortieren, mal anklemmen vielleicht, einfach mal sehen, was passiert und wie das so aussieht.
Doch war auch bald festzustellen: da habe ich mal wirklich gut vorbereitet, alles sauber in Reih und Glied, nachvollziehbar, und teile schon Komplimente aus – an mich. Man kann noch nicht alles machen, und es fehlen auch hier und da noch Dinge, aber zwei Tage später sieht es schon ganz ordentlich aus, und der extra 220 V-Landanschluß mit der notwendigen Fehlerstromsicherung ist nun auch unser eigener. Es paßt sich eins zum anderen. Ab jetzt gehen auch die letzten noch geliehenen Geräte zurück.Trotzdem fällt schnell auf, daß, entweder aus nicht-dran-gedacht, oder auch weiterem Bedarf, weitere fünfzig Meter Kabel rein müssen. Dabei sind aber jetzt schon alle Verkleidungen und Abdeckungen fest drauf, also, was ausdenken. Und es geht auch, sogar ohne daß es irgendwie häßlich aussieht. Trotzdem erstaunlich, daß beim Anspruch, alles so einfach wie möglich zu halten, über einhundert Meter Leerrohre und bereits fast dreihundert Meter Kabel hinter der Innenverschalung verschwunden sind – und das nur von der Bootsmitte ab achterwärts bisher. Salon und Forecastle sind noch gar nicht begonnen, das wollte ich für später, für Frankreich oder Brasilien aufheben, für irgendwann, wenn wir dann endlich unterwegs sein werden.
Traditionssegeln mit Nutella
Segeln unter grünen Segeln, wat is dat denn? Das begann mit einem „Fehlklick“ im Internet. Irgend was, heute nicht mehr nachvollziehbares hatte ich gesucht, in Österreich, während eines Schneegestöbers. Und binnen einer Stunde war alles entschieden und ausgesucht. Gleich drei Wochen am Stück sollten es sein, damit schon gleich ein richtiges Verhältnis entsteht. „Aber von Bermuda aus, ist das nicht das mit dem Dreieck, wo immer die Flugzeuge und Schiffe spurlos verschwinden“, wußte auch schon der kleine Lukas.
Bermuda Islands, nicht ganz 1000 km östlich vor Kap Hatteras, Tennessee, eine Inselgruppe, fast zusammen gewachsen, ein Fliegenschiss im Atlantik. Das erste, das dem Besucher entgegen sieht, beim Verlassen des Flugzeugs – Bermuda Shorts in Form eines Putzreliefs am Giebel der Empfangshalle.
Binnen Stundenfrist vor der „Alexander von Humboldt“, fast ein wenig enttäuscht, wie kurz doch zweiundsechzig Meter sind. Zu gut sind die Werbefotos, zu prächtig die Filmclips für das grüne Bier. Und dann – da bin ich doch weg aus Marmaris, weg vom Boot mit dem Maschinenschaden, einmal den Atlantik queren um ein Schiff zu erreichen, das wegen Maschinenschaden noch weitere drei Tage im Hafen bleibt.
Wann immer es wirklich darauf ankommt, ist durchdachte Organisation und Logistik durch nichts zu ersetzen. Deswegen hatte der, zwei Tage später, aus New York eingeflogene Mechaniker die Ersatzteile gleich mit in seinem persönlichem Gepäck, welches dann aber nicht mit ihm, sondern einen weiteren Tag später den Flughafen Hamilton erreichte. Zeit um Schiff, Rigg und auch die Insel ein wenig kennen zu lernen.
Am 23. März, 18.00 Uhr häckselt der Bugstrahler durch türkises Klar. Die Zeiser, bis hinauf zur Bramrah waren schon vorher gelöst, und das Schiff mit dem Bug durch den Wind war, wurden auch schon die Tücher gezeigt. Schweißtreibende Arbeit im Regen.
Tradition wird auf dem Traditionssegler groß geschrieben. Da wird aus Achtung oder Vorsicht „Wahrschau“, „ut de Kinken“, wenn jemand wenigstens zur Seite oder sich auf jeden Fall verpissen soll. Ob nun aber „komm auf“ oder „gib lose“ der richtigen Terminologie für gleichen Vorgang entspricht, darüber einigen sich Toppsmatrosen schon mal vor Beginn eines jeden Törns. Gemeinschaftsdienst wird zur Backschaft, das Vordeck zur Back, wie überhaupt alles, wofür man früher vielleicht keinen rechten Namen finden konnte, mit Back bezeichnet. In dunkelblaue, derbe fischgrätgemusterte Flachshemden gekleidet, kommen Traditionssegelnde daher wie eine Klasse Metzgerlehrlinge. Gott sei Dank wird die Bezeichnung Ölzeug dann doch nicht so wirklich ernst genommen. Und alles recht, solange Ketchup und Nutella reichlich vorhanden, eine Klimaanlage Brutkastenatmosphäre hinter den vermutlich ungedämmten dunkelgrünen Bordwänden verhindert. Frische Luft in den Unterdeckskabinen garantiert die Lüftungsanlage, welche auf dem nicht ganz traditionsgemäßen Teakdeck durch permanent monotonen Lärm, dem Segelschiff gemäße, Stille bekämpft.
Aber sei es, wie es ist, es gibt eine Menge Dinge ab zuschauen, und die Arbeit in einem über dreißig Meter hohen Mast bei bewegter See, so hoch über allem, so weit der Blick, das hat seine ganz eigene Melodie. Über nachtblauen Wellen sich in Gedanken verlieren, Horizont ohne Grenzen. Und ein Stündchen am Klüverbaum bei abendlichem Gegenlicht, geblähte Segel im Angesicht, Wind im Haar, …
Pause
Nun ist erst mal wieder Schluß, oder wenigstens so was wie Pause. Bin es überdrüssig, hier zu sein, all den Dreck und die nicht erledigten Arbeiten zu sehen. Zwar habe ich hier auf dem absoluten Außenponton wirklich Ruhe und werde von den Foagies nicht belästigt (der Weg ist einfach zu weit, für mal eben vorbei zu gehen und schlau zu schwatzen), aber ich brauche ganz einfach Abstand. Abstand von Marmaris, vom Boot, von all dem Drumherum – bin müde habe keine geraden Gedanken mehr für was ist richtig und notwendig, und was nicht.
Es braucht zwar auch diese Momente um einen Strich zu ziehen, Ordnung zu machen, aufzuräumen. Wenn einfach nichts mehr geht, der nur-noch-weg-Gedanke übermächtig, und doch zu wissen: ohne Segel (noch bei der Reparatur), und ohne Motor (eigenartig, wieviel doch auf einem Segelboot der Motor doch Herz ist und diese Energie nimmt) geht erst mal gar nichts.
Zweieinhalb Tage in Bayern verbringen, einmal ausschlafen und noch ausgiebig in unserem Möbellager wühlen. Ab Mittwoch aber ist die Pause perfekt und ich bin für die nächsten drei Wochen hier zu erreichen. Wobei erreichen etwas leichtfertig dahin gesagt ist, denn, ich würde ja schon rangehen, aber die D2 Masten sind wohl auf der Strecke zwischen 64°36′53”W, 32°14′26”N und 25°17′12”W, 37°35′20”N eher selten gestellt sein dürften. SERAPHINA bleibt derweil in der Obhut der Yacht Marine. Jetzt, da ich weiß, daß ich gar nicht am Russensteg liege, denn nur der (wahrscheinlich Waffenschein pflichtige) Trimaran aus Odessa, aber die beiden vermeintlichen Russen, deren Sprache ich nie zuvor wirklich vernommen, welche aber so eine schöne Melodie hat – der eine davon, Slavio, ist Kroate und der andere, ein alter Mann, kroatisch sprechender Pole, kann ich dann ja gehen. Eine nette Gesellschaft hatten wir schon, da draußen auf dem verwaisten Steg.
Gewinnspiel
Wie man gestern erfahren durfte, braucht es auf der SERAPHINA eine umfangreiche Motorinstandsetzung. Wie man bei entsprechenden Leiden und einigermaßen scharfer Eigenbetrachtung meist schon vor der Konsultation eines Arztes genau weiß wo der Haken hängt, so ging es mir auch hierbei mit dem Besuch des Mechanikers. Aber der Schock kam trotzdem, auch wenn keine Überraschung dabei war. Und die angepeilten, jedoch noch nicht genau zu benennenden Kosten sind nicht im Budget dieses Winters und eigentlich schon aus den zukünftig zu erwartenden Ersparnissen der Reisekasse. Das ist in etwa so, wie vor etwas mehr als siebzig Jahren ein nicht näher genannter angelernter – heute würde man sagen – Maler u. Lackierer aus Oberösterreich zur Bank ging und mit zukünftig zu erwartender Kampf- und Arbeitskraft einen nach oben offenen Kredit einforderte um bei eventueller Nichterteilung die gesamte Bankbelegschaft als Volltrottel zu deklarieren in Aussicht stellte.
Doch zurück zu unserem Gewinnspiel. Daß mich der Zusammenbruch der Maschine in ein tiefes Loch wirft ist klar, doch daß mich dieser Umstand fertig macht – Fehlanzeige. Statt dessen: große Klappe, klar, so kennt man mich und schließlich habe ich damit auch einen Ruf zu verlieren. Also habe ich mir gedacht – auch ohne vorherige Absprache mit Stammcrew und Eignergesellschaft – ein Gewinnspiel zu veranstalten.
Auf dem folgenden Photo stimmt eine Kleinigkeit nicht. Bewußt wurde auf Gegenüberstellung (ja wo ist denn auf dem linken Bild der Fehler) verzichtet – hier ist echte Assoziationsfähigkeit gefragt. Garantiert sei: Es handelt sich um eine Original- sozusagen 1:1 Aufnahme aus meiner Küche.
Benennt den Fehler ! und antwortet direkt auf den Kommentarlink oder an waytosail@gmx.com.
Zu gewinnen gibt es einen Tag auf der SERAPHINA mit umfangreichem Erlebnisprogramm und Vollumsorgung. Aber bitte beachtet das nicht ganz so klein gedruckte folgend.
1.Der Sieger ist natürlich der erste Einsender (Datum, Uhrzeit) mit der richtigen Lösung. Die Sichtung und Ziehung des/der Gewinner/in findet selbstverständlich parteiisch, unter völligem Ausschluß irgendwelcher Notare durch den Skipper persönlich statt. Gewinner/in gibt es natürlich nur eine/n. Vergeßt auch den olympischen Gedanken, nach dem angeblich dabei sein schon alles sei. Der Zweite ist nicht zweiter Sieger, sondern bereits erster Verlierer, wie mein Kollege Schumacher zu sagen pflegt.
2.Die Positionierung und Benennung des/der Sieger/in kann selbstverständlich durch bestimmende Einflußnahme und Korruptionsversuche gesteuert werden. Aber bitte, bitte, alles hat seinen Preis. Beispielsweise das Angebot, sagen wir mal, via EADS, zur Teilnahme an einem Weltraumflug wäre schon was, auch ähnlich dekadentes, wie Vermittlung mehrtägiger Verfügbarkeit der Kreditkartensammlung eines Mercedes Vorstands, einfach mal um ein Niveau darzustellen.
3.Der Standort der Yacht SERAPHINA ist natürlich zum jetzigen Zeitpunkt für den Tag des Events noch nicht festzulegen. Daher muß auch die Anreise (egal wie weit) vom Gewinner selbst bezahlt werden. Über Organisation der Anreise (Flug, mehrstündige Fahrt im Sammeltaxi und anschließender Fußmarsch mit selbst geschultertem Gepäck) durch unsere Fachabteilung läßt sich natürlich reden.
4.Bei der Rückreise ist wie Punkt „3“ zu verfahren.
5.Der/die Gewinner/in wird öffentlich denunziert und schon jetzt verpflichtet, über sein/ihr Erlebnis auf der SERAPHINA zu berichten.
6.Einsendeschluß ist der 16. März 2008, der Tag meiner vorläufigen Abreise.
Eines ist schon jetzt sicher! Das wird ein unvergeßliches Erlebnis. Also ran an die Tasten und Augen auf. Kleiner Tip am Rande: es ist nicht der Küchenabfall, der nicht ins Bild paßt und nach dem braten sahen die Hühnerextremitäten sehr viel appetitlicher aus.



