Riss der SY Seraphian
SY-Seraphina

Die kleine Bucht

Abgelegt unter: Allgemein — Lukas 16. Dezember 2008 @ 22:16

Da war einmal eine kleine Bucht. So, oder so ähnlich fangen ja immer die Geschichten an. Dabei gibt es besagte Bucht ja immer noch. Also da war mal, und das ist eben in gewisser Weise schon eine Weile her, diese hübsche Bucht. Schön gelegen, umrahmt von Hügeln, an welchen Zitrusfrüchte, und weiter oben Oliven wuchsen. An der Küste entlang, auf halbem Weg zwischen den großen Städten gelegen, unbeachtet von den meisten, auch den allermeisten gar nicht bekannt und gut geschützt vor all zu groben Winden.
Eines Tages kam jemand, kaufte ein Grundstück und baute ein Haus. Dann kam noch jemand und wenig später noch jemand. Schöne Häuser, nicht allzu groß, nahe am Strand gelegen, für sich und die Familie, wenn mal jemand zu Besuch kommt. Da läßt sich´s gut sein, in den Hügeln spazieren, auf´s Meer hinaus schauen, in Muse die Tage vergehen lassen.

Vielleicht hat man sein Leben im Ausland verbracht, gearbeitet und geschafft, und mit dem Ersparten ließ sich hier gut was machen. Verwandte kamen und Freunde, „schön habt ihr´s hier, so wunderbar“, sagten die, und, „laßt mich eine Weile bleiben, meine Ferien verbringen.“
Mit der Zeit kamen auch Freunde von den Freunden und wollten auch etwas bleiben. „Schön“ sagten die Leute, „laßt uns zwei, drei Hütten bauen, gleich nebenan. So schön mit Dusche und zwei Schlafräumen in jeder. Dann können die Freunde kommen und bleiben wie sie wollen, und sind auch etwas für sich, sitzen dann nicht ständig bei uns im Wohnzimmer. Das wurde sogleich gemacht, alle packten mit an und den Besuchern, die da kamen, gefiel es.

Eines Tages kamen fremde Leute mit einem schönen großen Boot an der Bucht vorbei. „Ei wie hübsch,“ sagte einer, „schau diese malerische Bucht mit den schönen Häuschen und die hübschen Hütten. Hier könnten wir doch ein schönes Ferienhaus bauen. Dann haben wir ein zweites Zuhause, brauchen nicht immer ein Hotel suchen, wenn wir nicht in der großen Stadt bleiben wollen. Und unser Boot liegt direkt unterhalb der Einfahrt zu unserem Haus.“
Das taten sie dann auch sogleich, und es wurde ein schönes großes Haus. Auch sie wurden von Freunden besucht, die das so wunderschön fanden, daß auch sie bleiben und sich ein schönes Haus an der Bucht bauen wollten. Drei, vier weitere schöne große Häuser entstanden, und als die Bauarbeiten abgeschlossen waren, ließ es sich wirklich gut sein dort und die Tage verbringen.
Eines Tages im Frühling kamen zwei Investoren mit ihrem Boot in die Bucht. „Oh wie schön, schau mal, so friedlich, so malerisch die kleinen Häuschen und auch die Villa dort und dort, schau! Hier könnten wir doch …, nein, kein Hotel, damit ist viel zu viel Umtrieb. Ein paar einfache Wohnungen nur, für Gäste, die das Schlichte, Schöne schätzen und die Ruhe dieser Bucht.
„Au ja“, sagte der andere Investor, „das machen wir. Laß uns gleich im nächsten Winter damit beginnen.“ Und so bauten sie eine hübsche Anlage, mit fünfunddreißig hübschen kleinen Wohnungen an der gegenüber liegenden Seite der Bucht, ganz nah am Strand und so gerichtet, daß alle die kommenden Gäste einen schönen Blick auf die malerische Bucht mit den hübschen Häuschen haben würden.
Dann kam ein Freund der Investoren. „Da habt ihr aber einen schönen Fleck gefunden. So hübsch gelegen und gar nicht weit von der großen Stadt. Hier will auch ich etwas bauen. Ihr werdet sehen, schön wird das werden. An die Landschaft will ich es anpassen, modern, aber doch mit traditionellen Stilelementen versehen. Das wird den Gästen gefallen, die da kommen werden, und eine hübsche Rendite läßt sich auch damit erzielen.“ Schon ein Jahr später, im Frühling, konnte eröffnet werden, und siebzig neue schöne Wohnungen erwarteten ihre Gäste.
Dann kam ein Freund des Freundes der Investoren, danach ein Konkurrent und auch dessen Freund folgten nach. Sie alle bauten schöne neue und auch gediegene Wohnanlagen, natürlich nicht, ohne vorher Kapazitäts- und Auslastungsprognosen erstellt zu haben. Auch Beteiligungsmodelle mit Renditezielen wurden besprochen.
Das Bauland am Strand wurde bald knapp. Man wollte ja auch Strandbereich erhalten, für Badende und Aktivitätsuchende, und so zog man die Hügel hinauf. Vierhundert weitere Wohneinheiten entstanden so und am Strand noch ein hübscher Kiosk für leckere Getränke und andere Erfrischungen. Auch an ein paar Spielautomaten hatte man gedacht, für die man einen hübschen Anbau an den Kiosk fügte. Bojen wurden in der Bucht verlegt, damit ein weiterer Investor mit Motorbooten und anderen Spielgeräten anlegen konnte.

Auf der Höhe eines der Hügel errichtete ein neuer, diesmal fremder Investor eine hübsche, exklusive Anlage, pflanzte Palmen und hoch wachsende Sträucher, auf großem Areal, mit wenigen, erlesenen Einheiten für gut situiertes Publikum – Time Sharing, Vollversorgung, Pflegedienste bei Bedarf, sowie geprüfte und gebriefte Outdoor- und Meditationsspezialisten im Schlepp.
Ein drei Meter hoher Zaun um die gesamte Anlage trägt viel zur Beruhigung der Bewohner bei und an dessen Außenseite sind alle paar Meter hübsche kleine Schilder angebracht, welche eventuelle Passanten über Art und Weise der Zwangsmaßnahmen unterrichten, welche jene bei ungebetenem Zutritt zu erwarten haben.

Etwas Land an der kleinen Bucht scheint noch ungenutzt – der Zaun steht schon.