Riss der SY Seraphian
SY-Seraphina

Rhodos – fast Symi – Rhodos

Abgelegt unter: Allgemein — Lukas 20. Oktober 2008 @ 09:54

Dabei wollte ich nach Tilos. Die Arbeiten in der Werft von Rhodos waren soweit für´s Erste getan. Was nichts daran ändert, daß die Ansicht des Unterwasserboots ein Schock war. All die Arbeit umsonst. Mittags dann endlich los, leider kein Wind, also erstmal unter Maschine und etwas später Besan und die Genua dazu, denn schaden kann das nicht.
Drei Stunden später, die Maschine läuft nur noch mit halber Kraft mit, als sie sich nach kurzem Hochdrehen verabschiedet. Nahe der Insel Symi, aber immerhin herrscht genug Wind um zu segeln. Wohin? Das Kloster Panormitis an Symi´s Südwestseite hat eine flache Bucht mit etwa fünf Metern Tiefe. Die braucht es, da das Problem mit der schwachen Ankerwinsch noch nicht gelöst ist. Zwanzig Meter Kette von Hand aufholen reicht auch, es müssen keine sechzig sein. Aber aus dieser Bucht, ohne Motor komme ich da nie mehr weg. Hätte ich aber mal besser gemacht, denn durch meine eigene Schusseligkeit verursacht, wie sich später herausstellen wird, wäre es ein leichtes gewesen, dort das Malheur zu beheben.
Ich aber entscheide zurückzusegeln, zurück nach Rhodos in die Nähe von Werkstätten. Wenn es läuft, komme ich dort irgendwann mitten in der Nacht an. Dort zu ankern, ohne Winsch, ist ein leichtes. Bald aber setzt der Wind jedoch aus, schläft vollkommen ein, das Boot treibt manövrierunfähig in unterschiedlichen Strömungen, dreht sich manchmal hilflos mehrfach wie ein Karussell. Daß der Sprit im Tagestank zu wenig sein könnte und durch die Bootsbewegungen Luft angesaugt wurde, darauf kam ich selbst nicht. Wegen des starken Frachterverkehrs traue ich mich aber auch gar nicht für mehrere Minuten nach unten. Dann wird es dunkel, eine Nacht auf dem Wasser steht bevor. Die Aufgabe: Kurs halten, so gut es geht und von den Küsten fern zubleiben.
Um Strom der ohnehin schwachen Batterien zu sparen, bleiben die Laternen aus. Nur wenn ein Schiff auf meinen Kurs kommt, werden die Segel mit der Taschenlampe angestrahlt. Frische Trockenakkus, heißes Wasser mit Teebeuteln und Kekse im Cockpit. Im Bewußtsein, die ganze Nacht wach bleiben zu  müssen, kommt trotzdem irgendwann die Müdigkeit, übermannt, und daß die offenen Augen nur starrer, eingerasteter Blick sind, hinter dem der Geist schläft, wird man gewahr, wenn man, durch welchem Reiz auch immer, hoch schreckt.
Ein Boot das keinen Antrieb hat auf Kurs zu halten ist Schwerarbeit. Regen und starker Wind ist für die Nacht angesagt, und das kommt dann auch, kurz nach halb ein Uhr morgens. Aber nicht einfach nur Regen, sondern Gewitter. Na wenigstens Wind, das bringt Fahrt, hilft steuern und von der Küste abzuhalten. Riesige dunkle Wolkenhaufen verhängen immer mehr die türkische Küste, Lichtergewirr von Rhodos.
Blitze erhellen die Nacht und verfärben das Dunkel, Blitze in allen Formen, gezackt wie im Bilderbuch, verzweigt, gelblich weiß, oder als orangefarbene statisch fünffach aufgereite Säulen direkt ins Wasser. Grellweiß manche, so nah, daß anschließend die Augen sekundenlang mit Schwärze überzogen sind. Faszinierendes Schauspiel, wäre da nicht der Umstand, daß ich, mitten drin in einer gewissen Not.
Schiffe kommen näher, welcher von denen sieht mich, sieht mein leuchten? Nackte Angst zuweilen. Aber der Gewitterwind bringt auch Antrieb, somit Arbeit, für eine halbe Stunde vielleicht, dann ist wieder Stille, nur das bewegte Wasser erinnert noch daran.
Wie viele von den zwölf Stunden Dunkelheit sind schon vergangen? Zu wenige, daran ändert auch nicht fünf-minütliches auf-die-Uhr-sehen. Wer weiß schon, wie lange zwölf Stunden Dunkelheit dauern können. Das GPS zeigt wieder nichts an, sucht immer noch nach Satelliten. Wenn ich jemand anfunken könnte und berichten von meiner Lage – dieser Jemand würde mich fragen: „Wo befinden Sie sich, wie ist Ihre Position?“
Ich könnte antworten: „Auf dem Meer, irgendwo zwischen …“
Ich sehe Fahrtrinnentonnen, wo gestern noch keine waren, das Gefühl für Entfernungen verschwindet vollständig und auf dem Vordeck unterhalten sich immer wieder Leute, manchmal auch hinter dem Boot, nur wenige Meter entfernt. Einmal, als ich mich schon kurz vor der Hook wähne, an der die Badestrände sind, zieht, wie ein Fächer sich zusammen, eine Kette von fünf hell erleuchteten Kreuzfahrtschiffen vorbei, scheinbar um die Südseite der Insel herum, ohne die Stadt anzulaufen. Das finde ich seltsam.
Als es schließlich hell wird, das Licht jedoch noch weiter durch eine hohe Wolkenbank zurück gehalten, ist in der Entfernung ein Motorradfahrer zu erkennen, der am Strand entlang fährt. Sehr komisch, warum macht er das, und mit so hoher Geschwindigkeit? Nach einer Weile, als die Augen sich wieder an das Licht gewöhnt haben, Entfernungen besser einschätzen, das Hirn auch immer besser wieder zur Mitarbeitet bereit ist, entpuppt sich der Motorradfahrer als einmotoriges Flugzeug, das in dem Moment abhebt. Ernüchternd, festzustellen, es ist der Flughafen, und die ganze Nacht des bloßen Kurshaltens und zweier rasanter Gewitterfahrten haben mich noch nicht einmal zehn Meilen weit voran gebracht.

Dann endlich ist für einen Moment rundum kein Schiff zu sehen. Wenn ein Schiff an der Kimm auftaucht, angenommen auf meinem Kurs, kann mich in etwa fünfzehn Minuten erreicht haben. Die Bootsbewegungen im Schwell immer noch sehr stark, aber wenn alles gleich klappt, müßte die Arbeit in zehn Minuten getan sein und alles wieder verschlossen. Zehn Minuten freier Raum innerhalb der Kimm ist gut.
Mit der Reparaturanleitung in der Hand gehe ich nochmal die Einzelnheiten des Entlüftens eines Dieselmotors durch, präge mir die Schritte ein und dann geht es runter in die schaukelnde Grube. Und dann wirklich, nach weniger als zehn Minuten, beim zweiten Startversuch, in dem Moment als die Batterie schlapp machen will, erwacht Rudolf Diesel, eiert eine Weile, stottert, spuckt, dann brüllt er.

Mal kurz noch einkaufen

Abgelegt unter: Allgemein — Lukas 19. Oktober 2008 @ 09:57

Es sieht nicht gerade enorm aus, so bei Dunkelheit ein Leinen aufzuziehen, aber kann irgend jemand nachfühlen, wie das ist, nach zwei vollen Jahren wieder ein Segel aufzulegen, so zu tun, als ginge es los. Es ist in der Tat erhebend, aber vielleicht nur der, der die ganzen bangen Stunden im Kreuz hat, fühlt den Moment.
Sonntag zeitig bei Sonnenaufgang raus, bevor der große Trubel los geht, denn Zuschauer wollte ich keine, und so war ich, als die Menschen erwachten, schon draußen in der Ausfahrt der Bucht. Marmaris hinter mir. Erst mal nur Genua und Besan, mal sehen was sie macht und wie sich das an fühlt. Und es war auch wirklich großartig, all das, das tiefblaue Meer, der Himmel, das Boot und die Felsen von der anderen Seite. All die neuen Dinge ausprobieren, schauen, da sein.

Nachmittags dann in Rhodos das Übliche: Stadthafen voll – damit auch niemand auf die Idee kommt, sich in eine Lücke zu quetschen, hat man dann schon auch lange Leinen quer gezogen – schwelliger Fährhafen, und genau dort wird mein Platz sein, offen zu Wind und Schwell zu zwanzig Euro der Tag. Eine Stunde später umparken, weil noch ein kleineres Kreuzfahrtschiff längsseits gehen will und eigentlich stellt sich dabei raus, daß ein anderer Wichtiger mich überhaupt weg haben möchte, da er „expecting tomorrow several VIPs“. Nur der Umstand, daß ich bereits bezahlt hatte und das die Banknote schon weg war, lies ihn Gnade walten.
Oh, was ist das? Um den Ölstand zu kontrollieren ein Blick in die Motorenabteilung – da steht Wasser bis zur Oberkante der Ölwanne. Schmeckt eigentlich gar nicht salzig, also vielleicht aus den Trinkwassertanks was entronnen. Aber gleich fast hundert Liter? Erst mal abpumpen und der Vorsatz, gleich am Morgen der Sache nach zu gehen.
Am nächsten Morgen, das Wasser war wieder da, gleiche Menge etwa. Schon deutlich beunruhigter beschließe ich, erst mal einzukaufen und dann der Sache auf den Grund zu gehen.
Der Einkauf, oder besser die Beute zum Boot zu bringen und dann zu stauen ist eine schweißtreibende Angelegenheit. Danach geht es auf die Suche nach der Quelle. Dabei mußte ich wieder einmal die Säge zu Hand nehmen, um wirklich sicher zu gehen. Aber ich fand sie schon. In der Wüste ist man sicher erfreut über ein Rinnsal von etwa vier Millimeter Dicke, ich dagegen eher  weniger. Nach einigem Überlegen entscheide ich gleich mal vorne bei der Werft anzufragen. Und die meinen dann „Klar, machen wir“, und wir vereinbaren, da sie danach Feierabend machen würden, daß das Boot im Lift hängen bleibt, ich die Arbeit bis zum Morgen aber beendet haben müsse, und dafür würden sie etwas Preisnachlaß gewähren.
Was dann zu sehen war, als der Lift anhob, verschlug mir die Sprache. All die Arbeit am Unterwasserbereich, die ich vermeintlich so sorgfältig ausgeführt hatte – umsonst. Fast das ganze Antifouling von achtern bis vor zum Kiel war verschwunden oder gerade dabei selbiges zu tun. Und zusätzlich, Ruder und Skeg fast blank. Die verwendete Grundierung, fort, war offenbar falsch und die Zinkanoden, nach sieben Monaten im Wasser, fast neuwertig. All meine Gedanken dazu nichtig. Darüber wurde das sofort zu ortende Leck schon fast nebensächlich.
Die Nacht, nach der Arbeit – schwere Gedanken, Selbstvorwürfe.
Am nächsten Morgen, das Boot wieder zu Wasser, ich darf noch etwas bleiben, neben dem Liftbecken vor Buganker um weitere Besorgungen zu tun.
Zwei Stunden später Anker auf und!  kennt jemand diese „nnngh, nnngh“ Geräusche, die auch schnell weniger werden? Wie, kein Saft, aber die Maschine läuft doch – etwas mehr Gas vielleicht.
Das Ergebnis bleibt gleich und so bleibt nur, die Kette von Hand aufzuholen. Sechzig Meter 10er Kette von Hand aufholen ist nicht unbedingt spaßig, das ist ausgesprochene Leibesertüchtigung und man schätzt sich glücklich, das in windstiller Atmosphäre und Null Seegang zu tun.
Die Arbeit am Rumpf war eine schnelle Notreparatur und muß demnächst noch besser gemacht werden, außerdem etwas grundsätzliches wie Sandstrahlen und ganz neuen Farbaufbau läßt sich jetzt nicht mehr hinausschieben. Aber nun auch noch die Ankerwinsch – eine Liste beginnt sich gerade wieder zu verlängern.

Neuanfang …

Abgelegt unter: Allgemein — Lukas 11. Oktober 2008 @ 22:19

Es gibt hier drei unterschiedliche Preise, meint Alex von der Ship Chandlery, „einen für Türken, den nächsten für alle Ausländer und einen dritten für Ausländer die türkisch sprechen.“ Sie muß es wissen, seit langem hier verheiratet, sagt sie, „deshalb werde ich nicht ganz so beschissen wie Du. Und es wird mit jedem Jahr Tourismus schlimmer.“  Das schnelle Geld.
Und weil dazu noch kommt, daß man sich an keine Abmachung hält (ist die Katze erst aus dem Haus, dann tanzen die Mäuse), läuft irgendwann der Krug über.

„Ich bin dann mal weg“, wie schon der Humorikus ordinaris Kerkeling sagte.

Somit beginnt heute Nacht die Reise.

Na da bin ich …

Abgelegt unter: Allgemein — Lukas 6. Oktober 2008 @ 06:56

…wieder. Das Lotterleben des Sommers hat ein Ende. Wenngleich ganz untätig war ich ja nicht. Aus den ursprünglich angesagten sechs Wochen wurden gesammelt dann doch neun Wochen bezahlte Arbeit.
Nach sechs Wochen Tournee habe ich noch ein kleines Häuschen gebaut, – is ja auch was. Und schließlich, der Flieger stand schon fast bereit, noch für drei extra Wochen in die Ukraine nach Kharkov. Wollte mal sehen, was am Ende der Autobahn noch kommt. Es sind noch etwa 1500 km Landstraße, die Autobahn endet nämlich schon kurz hinter Krakau. Einmal die E 40 ganz durch, die endet in Kharkov. Wer der mitteleuropäischen Autobahnen müde ist, oder über deren Qualitäten zuweilen die Nase rümpft, der darf sich ruhig mal den östlichen Teil der E 40 geben. Die ist zwar auch stellenweise mit „M 06“ bezeichnet, was aber nicht heißt, daß man darüber keine Kühe treiben darf. Was aussieht wie asphaltierter Feldweg, oder Baustellenzufahrt und trotzdem Überlandstraße ist, darauf darf man alles – sehen allerdings die uniformierten Wegelagerer ganz anders. Ein höllen Geld hätten wir vermutlich auf der Straße gelassen, ohne die bewaffnete, uns begleitende Miliz. Irgendwann wird das sicher auch eine propere Autobahn, die Arbeit daran wird heftig betrieben.
Das Land mit der größten Dichte an geländegängigen Fahrzeugen ist jedenfalls – eigentlich verwunderlich – nicht die Ukraine, sondern hat die besten Straßen der Welt und so gut wie keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Deshalb sind auch viele der dort bewegten vierradgetriebenen Fahrzeuge tiefer gelegt und verfügen über Reifen, breit wie Teppichläufer. Damit sind dann auch  gepflegte 250 km/h auf der Deggendorfer Autobahn drin. Welches Land das ist? Nein, diesmal kein Gewinnspiel, weiß ja ohnehin jeder. Das letzte Gewinnspiel habe ich übrigens selbst gewonnen.
Und was hat das alles mit SERAPHINA zu tun? Eigentlich nur, oder vor allem, daß ich dafür den geplanten Flug umbuchen mußte, da der Termin nicht zu halten war. Zurück zum Boot, die Baustelle SERAPHINA. Deren Maschine immer noch nicht eingebaut ist – waren ja nur sieben Monate Zeit – aus deren Schaltschrank immer noch mehr Kabelenden zu quellen scheinen, deren Geräte eines nach dem anderen zu schwächeln scheinen.

Baustelle SERAPHINA

Da bin ich also wieder. Das Herzstück, dessentwegen ich vergangenen Sommer arbeiten ging, steht betriebsfertig in Mehmets Werkstatt, läuft auch sauber wie ein Uhrwerk, ist aber eben nicht eingebaut. Allerhand Gründe dafür wurden vorgebracht, aber was hilft denn das, es war anders ausgemacht. Aber sobald man aus dem Haus ist, machen die Buben eben was sie wollen. Ich werde mich damit abfinden, nun nochmal zwei Tage Leute an Bord zu haben, die ich nicht sehen will. Alles übrige wird eben bis dahin und danach dann wieder gemacht.

Montagmorgen

Seit einer Woche wieder am Werk und seit gestern Mittag am Liftbecken. Was samstags nicht mehr zu organisieren war – Verlegung am Montagmorgen – plötzlich lagen die Schubbserjungs mit ihrem Schlauchboot an meiner Seite und meinten „Mach los, wir hätten jetzt gerade Zeit“. Nichts lieber als das und danach sofort Mehmet anrufen und versuchen, ihm Beine zu machen.