Wo bleibt die Liebe
Anhand dessen, daß der sich entwickelnden Technik so viel
Gewicht beigemessen, die ganzen Erleichterungen und
Einsparungen stattfinden und somit Zeit und Gelegenheit für
die Wichtigkeiten des Lebens geschaffen und vorhanden – wo
bleiben die Annehmlichkeiten, die wichtigen Dinge, wo bleibt
die Poesie, die Lyrik – wo bleibt die Liebe?
Von wegen Mai, und neu
Alles neu macht der Mai – von wegen, welcher Mai ist damit gemeint? Es sollte alles fertig sein, einbaufertig, unser Motor. Vier Wochen waren Zeit dafür. Die vier Wochen, in denen ich mir überlegen wollte, ob es sich lohne, noch mal mit einer Bark in das Kapergeschäft einzusteigen. Der Graf aus Thüringen war seinerzeit ja auch zwar spät aber recht erfolgreich.
Aber zurück in türkische Gewässer, oder besser an türkische Stege. Da dachte ich schon, daß mein Mechaniker der erste Handwerker wäre, der nicht sofort, bevor er sich an die Arbeit macht nach Geld schreit, und habe mich noch darüber ausgelassen wie angenehm das sei. Dem war aber nicht so. Er hat wohl darum gebeten, ganz leis um etwas Vorschuß, für die zu erwartenden Fremdleistungen. Anyway, es blieb ungehört, unbeantwortet und somit die Arbeit ungetan. Die Überraschung war gelungen.
Dreieinhalb Wochen Zeit – da war doch ganz hinten so ein Gedanke an segeln, von wegen Maschine rein – zwei Tage, und dann raus aus dem Loch. Der Segelmacher müßte ja auch schon darauf warten, liefern zu können. Aber auch das war nicht so, denn zehn Wochen ist vielleicht ein wenig knapp für ein paar einfache Reparaturen. Um etwas vor zugreifen – nach weiteren zwei Wochen wurden die Segel dann geliefert, man hatte allerdings vergessen, den Auftrag dazu durch zulesen. Und wieder zurück. Das ist vermutlich das, was Frank Ph. von der Firma Sail & Service in Marmaris im TO-Magazin als „Frischer Wind“ bezeichnet hat.
Dreieinhalb Wochen Zeit um nichts zu tun, Ferien zu machen, oder auch die Holzarbeiten weiter zu treiben und eventuell die Elektrik zu beginnen. Der neue Gasherd, ein gebrauchter, steht schon so lange im Weg und dieses Kochen auf einer lauwarmen Spiritusflamme ist einfach nicht mehr zu ertragen. Für den Einbau des Neuen war aber die Küche etwas zu zersägen und wiederum aus einigen Altteilen andere, neue zu machen. Nach dem Photo wird der Betrachter vielleicht glauben, der Herd
wäre ein hundertjähriger, das liegt aber nur daran, daß das Fabrikat ein amerikanisches ist, so alt ist er nun auch wieder nicht. Das Benutzen des selbigen macht wirklich Freude, die Küche hat sich schlagartig gewandelt. Vorbei, die Zeiten der Ein-Gang-Eintopf Menüs, es kommen wieder diese Feinheiten auf den Tisch, die einer kurzen scharfen, oder einer gleichmäßig kleinen Flamme bedürfen, und das aber gleichrangig nebeneinander – vom Backrohr einmal abgesehen. „Sollten wir noch diese Schalotte, feingewiegt und angedünstet mit Madeira ablöschen, dem Wurzelfond zufügen um dann drei klitzekleine Löffelchen Soße an die Taubenbrust zu streichen?“
Zwischendurch auch immer wieder mal ein Schluck Farbe an eine Wand, an ein Stück Sperrholz, oder wo auch immer noch welche fehlt. Und dann doch – ein regnerischer Sonntag verführt dazu, man bleibt zu hause und sucht sich die Zeit zu vertreiben mit vielleicht ein wenig Wasser aus der Bilge schöpfen (wegen des noch offenen Cockpitbodens) oder putzen – die Elektroverteilung, der heilige Gral im Gewand des neuen unscheinbaren Schränkchens am Navigationstisch. Funkelneue Schalttafeln und Apparate harren ihrer Erweckung, so lange schon. Und jedes Mal wenn ich daran vorbei schlüpfe, scheinen sie mir zu zurufen „na Kleiner, was is, komm ran und mach mal, es ist Zeit, trau dich!“ Bereit, die höheren Weihen Thors, oder wer war noch gleich der Anführer der Stromschläge und Funkensprüher, zu empfangen, stürzte, nein schlich ich an diese einhundertelf Kabelenden, die da aus dem Schrank quollen.
Genug darüber gelesen und Fachleute befragt hatte ich ja, daß ich mich, vielleicht dann schon etwas kleinlauter, daran machen konnte. Ein, zwei Kabelenden sortieren, mal anklemmen vielleicht, einfach mal sehen, was passiert und wie das so aussieht.
Doch war auch bald festzustellen: da habe ich mal wirklich gut vorbereitet, alles sauber in Reih und Glied, nachvollziehbar, und teile schon Komplimente aus – an mich. Man kann noch nicht alles machen, und es fehlen auch hier und da noch Dinge, aber zwei Tage später sieht es schon ganz ordentlich aus, und der extra 220 V-Landanschluß mit der notwendigen Fehlerstromsicherung ist nun auch unser eigener. Es paßt sich eins zum anderen. Ab jetzt gehen auch die letzten noch geliehenen Geräte zurück.Trotzdem fällt schnell auf, daß, entweder aus nicht-dran-gedacht, oder auch weiterem Bedarf, weitere fünfzig Meter Kabel rein müssen. Dabei sind aber jetzt schon alle Verkleidungen und Abdeckungen fest drauf, also, was ausdenken. Und es geht auch, sogar ohne daß es irgendwie häßlich aussieht. Trotzdem erstaunlich, daß beim Anspruch, alles so einfach wie möglich zu halten, über einhundert Meter Leerrohre und bereits fast dreihundert Meter Kabel hinter der Innenverschalung verschwunden sind – und das nur von der Bootsmitte ab achterwärts bisher. Salon und Forecastle sind noch gar nicht begonnen, das wollte ich für später, für Frankreich oder Brasilien aufheben, für irgendwann, wenn wir dann endlich unterwegs sein werden.



