Traditionssegeln mit Nutella
Segeln unter grünen Segeln, wat is dat denn? Das begann mit einem „Fehlklick“ im Internet. Irgend was, heute nicht mehr nachvollziehbares hatte ich gesucht, in Österreich, während eines Schneegestöbers. Und binnen einer Stunde war alles entschieden und ausgesucht. Gleich drei Wochen am Stück sollten es sein, damit schon gleich ein richtiges Verhältnis entsteht. „Aber von Bermuda aus, ist das nicht das mit dem Dreieck, wo immer die Flugzeuge und Schiffe spurlos verschwinden“, wußte auch schon der kleine Lukas.
Bermuda Islands, nicht ganz 1000 km östlich vor Kap Hatteras, Tennessee, eine Inselgruppe, fast zusammen gewachsen, ein Fliegenschiss im Atlantik. Das erste, das dem Besucher entgegen sieht, beim Verlassen des Flugzeugs – Bermuda Shorts in Form eines Putzreliefs am Giebel der Empfangshalle.
Binnen Stundenfrist vor der „Alexander von Humboldt“, fast ein wenig enttäuscht, wie kurz doch zweiundsechzig Meter sind. Zu gut sind die Werbefotos, zu prächtig die Filmclips für das grüne Bier. Und dann – da bin ich doch weg aus Marmaris, weg vom Boot mit dem Maschinenschaden, einmal den Atlantik queren um ein Schiff zu erreichen, das wegen Maschinenschaden noch weitere drei Tage im Hafen bleibt.
Wann immer es wirklich darauf ankommt, ist durchdachte Organisation und Logistik durch nichts zu ersetzen. Deswegen hatte der, zwei Tage später, aus New York eingeflogene Mechaniker die Ersatzteile gleich mit in seinem persönlichem Gepäck, welches dann aber nicht mit ihm, sondern einen weiteren Tag später den Flughafen Hamilton erreichte. Zeit um Schiff, Rigg und auch die Insel ein wenig kennen zu lernen.
Am 23. März, 18.00 Uhr häckselt der Bugstrahler durch türkises Klar. Die Zeiser, bis hinauf zur Bramrah waren schon vorher gelöst, und das Schiff mit dem Bug durch den Wind war, wurden auch schon die Tücher gezeigt. Schweißtreibende Arbeit im Regen.
Tradition wird auf dem Traditionssegler groß geschrieben. Da wird aus Achtung oder Vorsicht „Wahrschau“, „ut de Kinken“, wenn jemand wenigstens zur Seite oder sich auf jeden Fall verpissen soll. Ob nun aber „komm auf“ oder „gib lose“ der richtigen Terminologie für gleichen Vorgang entspricht, darüber einigen sich Toppsmatrosen schon mal vor Beginn eines jeden Törns. Gemeinschaftsdienst wird zur Backschaft, das Vordeck zur Back, wie überhaupt alles, wofür man früher vielleicht keinen rechten Namen finden konnte, mit Back bezeichnet. In dunkelblaue, derbe fischgrätgemusterte Flachshemden gekleidet, kommen Traditionssegelnde daher wie eine Klasse Metzgerlehrlinge. Gott sei Dank wird die Bezeichnung Ölzeug dann doch nicht so wirklich ernst genommen. Und alles recht, solange Ketchup und Nutella reichlich vorhanden, eine Klimaanlage Brutkastenatmosphäre hinter den vermutlich ungedämmten dunkelgrünen Bordwänden verhindert. Frische Luft in den Unterdeckskabinen garantiert die Lüftungsanlage, welche auf dem nicht ganz traditionsgemäßen Teakdeck durch permanent monotonen Lärm, dem Segelschiff gemäße, Stille bekämpft.
Aber sei es, wie es ist, es gibt eine Menge Dinge ab zuschauen, und die Arbeit in einem über dreißig Meter hohen Mast bei bewegter See, so hoch über allem, so weit der Blick, das hat seine ganz eigene Melodie. Über nachtblauen Wellen sich in Gedanken verlieren, Horizont ohne Grenzen. Und ein Stündchen am Klüverbaum bei abendlichem Gegenlicht, geblähte Segel im Angesicht, Wind im Haar, …



