sind so kleine Hände
Sind gar nicht so klein, aber darf man trotzdem nicht drauf hauen. Und was mache ich, stoße mich, ziehe mir Holzsplitter (verdammtes, ungeliebtes Holz es traktiert mich auch noch) unter die Haut und Cutterklingen durch die selbige. Mit dem Hammer schon mal daneben gehauen, also auf die Hand daß die Knochen quietschen. Ausgetrocknet und rissig schmerzen die Hände den ganzen Tag und nachts, wenn ich erwache. Zu allem Überfluß auch noch mit der Flex ein kleines Stück Oberschenkel raus geschliffen. Erschöpft und aufgedreht gleichzeitig, der Termin rückt näher und ich erwache wieder um halb Fünf – vergiß die Nacht, wer braucht schon Schlaf.
Viel geschafft in den letzten Wochen und noch vieles zu tun. Die 111 Kleinigkeiten summieren sich immer mehr zur Million, sind ja immerhin Wichtigkeiten.
Man sagt mir: “…wann immer ich wolle”, aber auch, “besser ist erster März”. Das ist ja morgen, also um genau zu sein, heute ist Freitag und morgen – oh Mann, morgen geht´s in´s Wasser. Aber es wird auch wirklich Zeit. Es könnte ja, wenn ich den Yücel treffe, er seine Meinung ändern und sagen: “Jetzt!”. Egal, ich lasse ohnehin dann die Fetzen fliegen.
Denn das jetzt ist ja kein Zustand mehr. Den ganzen Tag drücke ich mich rum – mit Dingen, die sicher wichtig sind, aber es ist doch rumdrücken. Da kann man noch Sachen machen: schneiden, bohren, schleifen, malen. Sicher, alles wichtig und die Zeit bis zum Rückflug läuft auch schon wieder. Aber es ist auch die Aussicht auf einen Zustand, der einen in die Lage versetzt, bei Bedarf ablegen zu können. Ablegen, und wenn es drückt, sogar die Festmacherleinen zurück zu lassen. Rückhaltlos losfliegen.
Opfer für 350
Hinreichend bekannt ist, daß der Autor über ein Stahlboot verfügt. Um einen Metallrumpf im Seewasser vor Korrosion zu schützen, die aufgrund fließender Ströme durch die Materialmischung
von z. B. Bronze, Edelstahl und Schwarzstahl entstehen kann, oder auch durch Verletzung der schützenden Oberfläche im Unterwasserbereich, ist es notwendig vor dem nahenden Wassertermin noch so genannte Opferanoden anzubringen. Opferanoden sind in diesem Fall Klötze aus reinem Zink, welche mittels angeschweißter Gewindestifte angeschraubt werden.
Zink unterliegt im Handel Tagespreisen wie die meisten Metalle und dafür will man am hiesigen Markt im Moment umgerechnet 10,60 € per Kilogramm. Einer der Klötze für dieses Boot hat etwa drei Kilo, sieben Stück davon sind anzubringen plus einige kleinere Pilzanoden. Macht einen Gesamtpreis von (aufgerundet) 350 Euro. Zum opfern, also weg schmeißen praktisch.
Da kam die Idee auf, diese Anoden doch selbst zu gießen, aus Altzink. Ein Italiener hatte etwa 30 Kilo davon und bot sie an, abzugeben., oder aber: „Laß uns das doch zusammen machen“. Gute Idee. Jeder von uns hatte aber noch genügend andere dringende Dinge zu tun, so daß dieses Vorhaben erst mal ruhte. Langsam aber, in der letzten Woche fing es etwas zu kribbeln an, „ diese verdammten Anoden sind ja auch noch zu machen“. Keine Gießform, kein Schmelztiegel, auch eigentlich nicht genügend Altmaterial um für beide zu gießen.
Eines morgens, während Farbe trocknen wollte, machte ich mich dann aber doch dran, erst mal eine Gießform zu basteln. Die erste war dann auch prompt für den Müll – zu groß (verschätzt), nicht dicht und nicht schön außerdem. Der zweite Versuch aber klappte, kann sich sehen lassen. Kaum hatte ich begonnen die erste Schmelze zu versuchen, kam auch schon Marco (besagter Italiener) an – die ganze Zeit dazwischen nicht gesehen oder gehört von ihm – nur mal sehen, ob was geht.
„Na schau her, es scheint zu klappen. Aber das Zink wird wohl nicht reichen und direkt in die Form rein schmelzen scheint auch nicht der Hit zu werden“.
Also mußte dringend Altzink, d.h. alte, runtergeschaffte Anoden, gefunden werden, und zwar viel
davon, denn etwa 20 Prozent vom Altzink ist Mist, der aus der Schmelze abgeschöpft werden muß, und irgend etwas, das für einen Schmelztiegel taugt.
Altzink findet man am ehesten bei ausgedehnten nächtlichen Spaziergängen. Am nächsten Tag hatten wir genug davon, um zwei Boote gut zu bestücken, und Marco hatte noch eine uralte Gasflasche, die schnitten wir mittig durch, brachten zwei Griffe an und aus Winkelstahl einen Ausgießer, schon war der Schmelztiegel da. Also wieder ran an die Schmelze, mal versuchen was nun wirklich geht.
Eineinhalb Tage schmolzen und gossen wir abwechselnd.
Traumhafte Mischung
Noch genau vier Wochen bis zum Flug. Was habe ich heute gemacht, geht überhaupt was voran?
- restliche Deckenverkleidung in der Achterkabine angepaßt
- Doppelungsleisten an der Stb.Luke/Achterkabine
- Kleiderschrankfront fertig gezeichnet und ausgeschnitten
Da war das Wetter noch viel versprechend. Nicht kalt, wie angekündigt, sonnig fast mit leicht
bedecktem Himmel. Dann aber, kaum war das Frontpanel ausgesägt, zog eine ganz finster dräuende Wolke auf, von der Art, bei der man in Bayern weiß: wenn die herunten ist, dann ist die Woche auch schon gelaufen – es regnet sich ein.
Na dann alle Maschinen wieder rauf schaffen, die Sperrholzbauteile auch, alles andere regensicher verstauen und dann eben drin in der Enge weiter machen. Außerdem habe ich noch Kekse und Schokolade besorgt, auf Vorrat, einen ganzen Einkaufsbeutel voll. Wer weiß denn schon, ob der aufziehende Regen, wenn er dann nicht enden will, nicht vielleicht doch Untergangsstimmung erzeugt.
Zum wohnen, Muse haben, ist es wirklich zwischenzeitlich gut geworden, aber arbeiten – eng, gebückt und irgendwie im sitzen. Schleifstaub, schwitzen, Kleberdämpfe und Farbe, einfach ein traumhafte Mischung.
Irgendwie hat das was von Hausarreast, den ich als Bub hin und wieder verordnet bekam. Drin sitzen müssen, wo doch ausgerechnet heute draußen so furchtbar wichtige Dinge zu tun sind, aber raus is nich – verboten. Also hinten im Zimmer Beschäftigung finden, unauffällig bleiben, damit mich niemand anquatscht. So vergeht der Tag auch.
Und was war da noch ?
Ach ja, Mo ist tot. Wolfgang Melle, der Arzt aus München, der in seinem Kreis seit Kindheit Moses genannt wurde. Vermutlich ist dies das erste und einzige Mal, daß sein Name im Internet auftaucht, denn er war so gänzlich ohne Ehrgeiz, was seine Karriere betraf. Er war einfach Arzt, wie ein anderer Mechaniker – Chirurg, ein Handwerker unter Ärzten, tat einfach seine Arbeit.
Er, der mir, als ich ihn mal wirklich erschöpfend über seine Arbeit ausfragte, anbot, mit ihm in den OP zu gehen.
“Chirurgie ist keine Kunst”, sagte er, “das ist Handwerk. Du mußt wissen, wo was ist, wie das in etwa arbeitet, mit anderem zusammen wirkt und wie es aussieht, wenn es das nicht tut. Aber das kann ich dir zeigen, und alles andere kannst du nachlesen. Laß uns telephonieren, wenn du im Land bist. Wenn ich Dienst habe und da kommt zum Beispiel so ein Bauch rein, dann nehm´ ich dich mit.”
Mein Einwand, … in so einem Krankenhaus … und daß ich ja nicht zum medizinischen Personal und so, wischte er weg mit “kein Problem , ich bin der Oberarzt und du Praktikant und siehst dir mal den Laden an – unter meiner Aufsicht.” Genau! das is´n Ding. Wann gibt´s schon mal so eine Möglichkeit.
Einiges seiner Freizeit verbrachte Mo sommers wie winters im Rettungshubschrauber; leitender Arzt im Einsatz um in den Bergen Verunglückte. Jetzt hatte er seinen letzten Flug, diesmal selber liegend. Oder nicht mehr selbst? Gebrochen an einem Schneebrett, verschüttet durch die Lawine. Der gleiche Fall um die gleiche Zeit wie 46 Jahre vorher mein Onkel, anders, aber am gleichen Tag wie 10 Jahre vorher mein Bruder.
Es gibt welche, die sagen daß die Guten früh gehen müssen, nur die Kotzbrocken würden steinalt. Es ist schon über einen Monat her und dies ist kein Nachruf und auch keiner gab den Auftrag. Aber ich trauere, ich weine um Mo.
… aus dem Tagebuch
Was ich da noch gefunden habe.
… geht das wieder los. Muß täglich aufschreiben, was ich gemacht habe, sonst weiß ich nächsten Tag nichts mehr. So viele Splitter an scheinbaren Kleinigkeiten, hierhin und dorthin, als wären die 13 Meter Boot ein Fußballfeld ….
… langsam aber dringlich kommt die Elektroinstallation in´s Gesichtsfeld. Ich glaub mir wird schlecht.
… nun doch Holz. Begonnen, die Leibungen für die Dachluken zu fertigen. Kann sich noch jemand aus den Zuschauerreihen erinnern wie ich zu Holz stehe? Richtig, Holz ist schön – um ordentlich einzuheizen. Bei unserem Ausbau geht es um Sperrholz, eine Variante zu der ich ein gemäßigtes, möchte fast sagen, interessiertes Verhältnis habe. Damit, vor allem mit den viellagigen sichtbaren Schnitt- kanten kann ich mich anfreunden. Es geht auch besser von der Hand als ich dachte. Freilich, ein Tischler würde sich vermutlich vor Schmerzen biegen, müßte er mir bei der Arbeit zusehen. Ich will aber auch keinen Preis gewinnen, es soll nur halbwegs gut aussehen – im Ergebnis – ein bißchen Nest und nicht mehr Baustelle.
Keine Bilder
Na mit neuen Fotos ist ja leider nichts. Herr Flick läßt meine Bildchen nicht drauf laden … oder so. Oder doch, oder was?
Aber ich bin in´s Stübchen umgezogen, die kleine Kabine gleich rechts neben dem Niedergang. Vorgehabt hatte ich das schon seit mehreren Tagen, allein was mich daran hinderte, der starke Geruch nach frischer Farbe und der ganze Sperrholzmist. Diese Kabine diente nämlich auch dem Zuschnitt der Paneele und dem entsprechend sah es aus.
Jedoch mehrmalige Räucherungen mit Salbei und Weihrauch waren gut, und so machte ich mich, eigentlich außer Plan, gestern nachmittag dran, das Stübchen auszuräumen und gründlich zu putzen.
Matratze rein, Bett frisch bezogen und schon sieht alles wieder sehr gemütlich aus.
Dafür kann ich jetzt in der Achterkabine richtig die Sau raus lassen. Nichts mehr mit abends wegräumen – allenfalls etwas saugen. Außer dem Bad bin ich überall durch mit neuer Isolierung und quasi im vorbei gehen wurden noch fünfzig Meter Leerrohr für die neue Elektroinstallation verlegt, was sich aber als zu wenig erwiesen hat. Da verschwinden vielleicht noch einmal vierzig Meter. Und das nur für einfachste Dinge, ohne große Spielereien.
Und am Abend für die Defizite: “BILDUNG – Alles was man wissen muß” von Dietrich Schwanitz. Wer sonst hat jemals Kulturgeschichte so humorvoll, animierend auf den Punkt gebracht?



