Neue Füllung
Ich weiß ja nicht, wohin das führen wird, aber mein Netzmeister hat zu Beginn dieser Arbeit
unter anderem die Kategorie Technik eingefügt. Und seit heute ist da
nun ein erster, bescheidener Artikel drin.
Mal sehen, ob ich weiterhin auch in Sachen Technik das Eine oder Andere zu sagen habe.
Wellenkupplung
Bei Umbau und Wiederherstellung der SERAPHINA fiel auf: Korrosionsschäden am Rumpf waren enorm, aber unter Wasserlinie noch erträglich. Daß einerseits das Boot zu dem Zeitpunkt schon 27 Jahre auf dem Buckel hatte, und andererseits bei den Korrosionsschutzmaßnahmen sowohl von der herstellenden Werft, als auch später vom letzten Besitzer vor uns, alles falsch gemacht wurde, was man falsch machen kann, und dann auch die elektrische Installation alt, ewig angestückelt und im Ganzen ungeregelt war; dafür hielten sich die Schäden noch in Grenzen.
Die gröbsten Schäden konnten beseitigt werden, oder fielen ohnehin dem Umbau zum Fraß. Was blieb, war der Verdacht auf Potential am Rumpf, zumal eine Minusleitung vom Motorgehäuse an den Rumpf führte. Noch bevor der Innenausbau erneuert wurde, hielt ich mich glücklicherweise moralisch so gefestigt, um an das Thema Neuinstallation der Elektrik heran zu gehen. Maßgeblich daran beteiligt war Wilhelm Greiffs „Stromversorgung an Bord“.
„Minus gehört auf Masse“, diese Kfz-Elektriker Weisheit war auch auf der SERAPHINA verwirklicht und somit auch immer gleich Teil des Problems.
Nachdem alle Kabel neu und zweipolig verlegt waren, eine Schalt- und Verteilertafel eingerichtet, Kapazitäten ordentlich messbar, kam schließlich noch ein – meiner Meinung nach auf einem Stahlboot unverzichtbar – Rumpfkontrollschalter zum Einsatz. Und der brachte auch gleich die ernüchternde Wahrheit: trotz aller Sorgfalt lag immer noch Minusstrom am Rumpf. Sobald die Starterbatterie abgeschaltet wurde, war er weg.
Der Motor auf Gummidämpfern, Kabel sorgfältig verlegt, aber aus Ersparnisgründen, und weil so was in der Türkei schon gar nicht zu bekommen war, verblieb immer noch der alte Anlassermotor mit „Minus auf Masse“. Masse in diesem Fall gleich Motor. Das sollte nicht unbedingt sofort zum Problem führen. Jedoch bei genauerer Betrachtung entdeckte ich daß ja die Verbindung Starterbatterie – Motor – Antriebswelle – Schraube einen perfekten stromführenden Kreislauf ergibt. Also trennen !
Eine elastische Wellenkupplung, die zwar noch eine andere Aufgabe übernimmt würde für unsere Welle etwas über 600 € kosten, die aus Ferrozell – ein heute fast vergessener Kunststoff – angefertigte: sehr viel weniger.
Dazu nötig sind Augenmaß, Schieblehre, Zettel Papier und ein vertrauenswürdiger Werkzeugmacher Betrieb nötig, und das sind in unserm Fall die Gebrüder Winkler, die mir schon in der Vergangenheit so manch kniffliges gelöst haben. Die Idee erklären, Vorschläge dazu hören, Material besorgen – nach weniger als einer Stunde konnten sie die Aufgabe angehen. Zwei identische Scheiben aus 20 mm starkem Material, zwischen den Bohrungen mit der Aussparung für den Schraubenkopf nochmal Bohrungen setzen, so daß insgesamt acht Bohrungen im gleichmäßigen Abstand in die beiden Scheiben gesetzt sind. Dann die Scheiben Rücken an Rücken zu einander und um 45° verdrehen, daß einer Bohrung mit Aussparung eine bloße Bohrung gegenüber steht. Zwischen Getriebe- und Wellenflansche setzen, Schrauben stecken, Unterlegscheiben nicht vergessen und Stopmuttern.
Spätestens jetzt zeigt sich, ob man ordentlich gemessen hat, denn die Bohrungsdurchmesser des Getriebeflansch sind zu denen des Wellenflansch 0,5 mm unterschiedlich.
Auch wenn die Lage des Motors zur Antriebswelle gut ausgerichtet wurde, ist es von Nöten, die nun acht Verschraubungen nach etwa zehn Betriebsstunden in Fahrt nach zu ziehen. Andernfalls wird sich das Loskommen der Wellenverschraubung durch ein leises aber Zahnweh verursachendes Klingeln Kund tun.
Das Ergebnis der ganzen Aktion ist hervorragend, kein Strom mehr am Rumpf und die zu übertragenden Kräfte werden auch im Vollastbetrieb genommen.
Cartagena
Wenn in der Schule – was schon eine ganze Weile her ist – vierunddreißig Mitschüler eine andere Ausarbeitung der Hausarbeiten hatte als ich, so war ich mir immer sicher der einzige zu sein, der richtig lag. Egal, ob das Hausarbeiten oder Schulaufgaben, mathematische oder schriftliche Ausarbeitungen, oft schien es so, daß ich der mit der einzig richtigen Lösung war. Ich war jedoch in Wirklichkeit der einzige mit der falschen Variante.
Wenn ich jetzt die Wettervorhersagen lese, und mir darüber klar werde, daß wir noch eine ganze Woche zu bleiben haben, bevor der Wind wieder dreht, ich gleichzeitig aber mitbekomme, daß drei andere Segler, von denen mindestens zwei in die gleiche Richtung wollen wie wir, überkommt mich wieder das Gefühl von den Hausaufgaben. Aber kann das denn sein, daß die so weit aufkreuzen wollen, bzw. heute Nacht ohne Wind dümpeln wollen?
Derweilen bleibt Cartagena anzuschauen, und das lohnt sich allemal. Geschichtsträchtig, dessen bewußt, neugierig und übermütig – welches Adjektiv paßt da nun nicht zu einer Stadt? Einige hochrangige Museen, daraus hervor zu heben besonders, das MUSEO NACIONAL DE ARQUEOLGIA SUBNAUTICO. Vom Architekt schon gleich in den Keller, gleich Sub, gesetzt, die oberirdischen Gebäudeteile dienen nur der Zuführung von Tageslicht und urbanem Gesamtbild. Auf den ersten Blick nahezu leere Räume, wenige ausgesuchte und teils neu gefertigte Exponate an der lichtgefluteten Seite. Assoziative Lichtführung per LED-Video Panele durch Diffusionsfolie erweckt, wandfüllend, in den niederen, dunklen Raumbereichen. eine solche Wand unterbrochen durch großformatige Bildschirme, welche die unterschiedliche Arbeit der Unterwasserarchäologen zeigen. Auf einander aufbauende Stationen und dann, etwas unvermittelt, ein Schaukasten mit restaurierten Fundstücken. Weiter hinten dicke Glaszylinder, salzwassergefüllt und temperiert, mit Fundstücken im Fundzustand.
Interaktive Bildschirme auf Inseln angereiht, bis hin zur quadratmetergroßen Gesamtansicht des Mittelmeeres mit Stichwortspots, ebenfalls interaktiv per darüber hängendem Videobeamer. Da ist nirgends staubige, muffige Altlageratmosphäre.
Und dann – Architektur, urbanes Gesamtbild, die hier arbeitenden Planer schrecken wirklich vor nichts zurück. Historisches Stadtbild, ja, aber deswegen darf man ja trotzdem mit heutigem Wissen und zur Verfügung stehenden Technik arbeiten. Lebhafte, lebenswerte Modernität, Architekts Playground. Hier zeigen sie, was möglich ist und dazu gehören schon auch jene, die genehmigen müssen.
Modern, in Form von Moder ansetzen scheint hier wirklich keinen Platz zu haben. Es erfreut, beglückt mein Auge, der ich aus einer Gegend komme, in der Zuständige wie auch Architekten und Bauherrschaften vor lauter Historischen-Gesamtbid-Gequatsche schon in ihre Sessel hinein modern.
Ich verstehe zu wenig davon und es ginge zu weit, sich auch noch über die Kunst auszulassen. Jede Disziplin hat ihren Platz, jedoch die Skulpteure und die Sprayer fallen, weil im öffentlichen Raum, am meisten auf. Wie schon zuvor auf den Balearen auffiel – Spanien scheint seine Künstler nicht nur leben zu lassen, sondern gewährt ihnen auch Brot und etwas drauf zu schmieren.
Marilyn auf Cabrera
Cabrera, Ziegeninsel. Als solche eingerichtet von den Römern – ein lebender Vorratsschrank in präfrigeratorischer Zeit. Stille, Zurückgezogenheit, der perfekte Gegensatz zur Polis Palma. Wind, Berge, das Meer, alles geht sehr viel langsamer.
Nationalpark, zu dem man Genehmigung braucht. Wir sehen das nicht so eng, beantragen sie zwar, aber als aus dem zuständigen Büro in Palma keine Antwort kommt, segeln wir trotzdem hin. Es ist ja Winter und solche Massen werden sich dort wohl nicht aufhalten wollen, nehmen wir an. Als wir uns im Inselbüro anmelden, werden wir nach der Genehmigung gefragt, sagen unser Sprüchlein auf und bekommen mit etwas peinlichem Ausdruck die Antwort, daß das leider sehr normal sei. Alba, eine der Angestellten übersetzt den verantwortlichen Schichtführer.
„Aber wir wollen das auch nicht so eng sehen, und Du hast ein großes Lächeln von mir, wegen der Marilyn“, meint er zu mir gewandt. Was immer da aus einer spanischen Redewendung ins englische übersetzt wurde, es hatte seine Bewandtnis damit, daß ich, sofort nachdem wir den Fuß an Land gesetzt hatten, im offenen Fenster eines Zimmers im ersten Stock des Hauptgebäudes eine Bildserie der MM entdeckte und durch mein Teleobjektiv genauer betrachtete. Das wiederum hat der Schichtführer bemerkt und sich gefreut. Er kam zu dieser Serie vor über fünfunddreißig Jahren, als er als Lehrbub der spanischen Nationalparkbehörde auf Lanzarote arbeitete. Es gibt da eine Verbindung: Marilyn, der Photograph, Lanzarote. Möglich, 1957, als sie mit Arthur Miller nach Europa kam, im Zuge der Dreharbeiten zu “The Prince and the Showgirl” mit Laurence Olivier. Weiß ich aber nichts darüber.
Jedenfalls, wir sind willkommen, man zeigt uns die Wege, welche wir allein gehen dürfen, welche, die nur in Begleitung und, das
Museum ist Winters geschlossen, aber wenn wir wollen sperre man für uns auf. Nach drei Tagen wollen wir und „man“ ist Alba und weiblich. Auf dem wenigen Raum des ehemaligen Sitzes der letzten auf Cabrera lebenden Familie zeigt architektonischer Feinsinn Geschichte: Von durchgedrehten Mönchen des Mittelalters, die sich gegenseitig abmurksten, napoleonischen Gefangenen, die zu Tausenden – was wirklich schwer vorstellbar ist anhand der Inselgröße – ohne ausreichend Wasser, Nahrungsmittel und medizinische Versorgung hier gehalten,
schließlich verscharrt und vergessen wurden. Johannes Böckler, dem Flieger, dessen DO 127 in einer Nacht 1944 an Cabreras Küste runter ging und er wahrscheinlich nicht überlebte, seine Leiche aber als einzige nicht gefunden wurde. Er treibt sich seit dem nächtens um das Kastell herum, wissen die Bewohner, und daß er ein Guter sei, vor dem man sich nicht ängstigen müsse;
Wirtschaft, durch – inzwischen ehemalig – Landwirtschaft, auch mit dem Versuch von Weinbau, Fischerei, durch angestammte Rechte bis in die Gegenwart in einem präzisen Rahmen betrieben;
Flora und Fauna, einst und jetzt, mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen und praktischen Arbeit seit zwanzig Jahren. Mehrere natürliche Quellen machen diesen auf den ersten Blick gottlosen Felsen fast zum Paradies.
Ein Fischadler stürzt nicht weit neben dem Boot durch die Wasserdecke und hebt mit Beute in den Fängen gleich wieder ab. Einzig gestört durch die Kostgängerei der Korallenmöven.
Neulich am Markt
Adios Mallorca
Es gäbe noch so vieles zu sehen, so vieles zu besuchen. Allein, die Frühlingsströme setzen ein und somit ist es Zeit zu gehen. Die sechs Wochen Schonzeit gehen dem Ende zu. Heute morgen um Fünf war von drüben, an der Avinguda etwas Grölen zu hören.
Man sollte sich ein nächstes Mal den Winter reservieren.
Mallorca
Kalt, kalt, kalt. Wäre nicht der Statthalter von Palma
und seine Frau, so hätte ich mich dieses ersten Eindrucks
nicht entledigen können.
Angefangen mit der Ansteuerung am 24. Januar, wobei der Ort
sich gegen unsere Ankunft zu sträuben schien.
Wie ein Trugbild schien die Stadt für Stunden nicht
heran rücken zu wollen, verschwand immer wieder
unter windgepeitschten Wolken.
Erste Begegnung mit Marinapersonal, das nicht eine helfende Hand
als erstes reicht, statt dessen einen Rechnungsblock.
Nur mit Mühe war zu erreichen, daß die beiden wieder abzogen,
uns in Ruhe ließen, da wir zu feiern hatten – Wiedersehen
nach einem Jahr.
Zweite Begegnung mit der Marinaverwaltung, die einen Preis
aus einer Liste zog, der mir die Knie weich werden ließ.
Auf meinen Einwand, daß doch Winter sei und sonst nichts los,
bekam ich nur Schulterzucken. Tumbe, stumpfe Augenblicke,
Befehlsempfänger ohne Reflexion.
Wie einst in der Karibik, als auf den Einwand, daß die
(umgerechnet) vier Euro für zwei Tomaten doch sehr viel Geld sei
geantwortet wurde: Wenn Dir das zu teuer ist,
wozu bist Du dann überhaupt hier?
Ein bißchen Atem holen, sich umsehen, der Maschine
Aufmerksamkeit geben. Kaum an Land, ist immer gleich so viel
zu erledigen. Überwältigt vom Monster Bucht-von-Palma.
Das ist was für Erwachsene, nicht für Träumer, denn das Monster
ist gefräßig.
Und dann die Überraschung, ausgerechnet der Königliche Yacht Club,
direkt in der Stadt, unterscheidet zwischen Winter und Sommer.
Freundlich, kompetent, und auch die Frau, die am Wartesteg
erscheint, abschätzt, hilfreich Anweisungen gibt, dann Aktion
erwartet. Einen Moment später steht sie am Platz und hält
eine Leine bereit. Das macht gleich wieder Freude.
Dreimal, und dreimal unterschiedlich kam ich hier her.
Einmal mit dem Flieger, ein anderes Mal mit dem Laster auf einer Fähre
und nun mit dem eigenen Boot. Jedes hat seine eigene Qualität,
aber immer wieder Palma. Palma ist eine Großartige,
einzig schon eine Reise wert.
Und dann eine Landpartie mit dem Auto, gleich zwei
Tage hintereinander. Geruhsam ins Gebirge, leere Straßen, wie gut,
daß sie es sind – so schmal und kurvig.
Mittagessen im Lokal, wo auch die Bauarbeiter sitzen, dazu Wein
und Sonne und unvergleichlich blauen Winterhimmel.
Und auch das wäre eine eigene Reise, hinauf ins Tramontana.
Abseits der Straßen, wo die Wege einsam werden und wild,
würde Ludwig-Salvator, der Erzherzog noch mal daher spazieren.
Der mit seinem Geist, seinem Forscherdrang und seiner Liebe
die Balearen ans Licht erhob.
Mahon – Palma
Regen, und Wind im Genick und eine kalte Nacht. Und viel zu schnell auf einmal. Nach Porto Colom wollten wir, und da wollten wir zeitig morgens ankommen. Statt dessen standen wir abends um Zehn praktisch schon vor dem Hafen. Nachts wollten wir dort aber wegen der etwas seltsamen Wassertiefen nicht einfahren, und so entschieden wir kurzerhand, daß es uns egal ist, ob dort der angeblich letzte ursprüngliche Fischerhafen der Insel liegt.
Es ist wirklich kalt in dieser Nacht, das fährt in die Knochen. All die hochaktiven, kunststöfflichen Kleidungsneuheiten kommen da gerade recht. Und natürlich Leberwurstbrote. Des Nachts im Cockpit eine Dose Leberwurst vom heimatlichen Metzger aus dem Schwalbennest gezaubert, eine frische Zwiebel dazu und Brot noch vom letzten Tag – das ist schon fast wie im Himmel.
Dann bleibt noch Cabrera, eine geschützte Insel im Südosten Mallorcas – ein paar Tage von der Stille nehmen, bevor wir in den Trubel von Palma stürzen. Aber auch das ließen wir im frühen Morgen liegen, machten uns statt dessen an die letzten 28 Meilen. Der Wind hielt ja die ganze Nacht durch, in Stärke und Richtung, so daß wir glaubten, bis Mittag vor einer der Marinas in der großen Bucht stehen zu können. Aber man soll ja die Rechnung nie ohne den Wirt machen; der Wind drehte in den nächsten beiden Stunden etwas ein, legte auch gleich noch etwas zu, so daß die Strecke bis Cabo Blanco noch gut anzuliegen war, aber die eigentliche Bucht von Palma zum Kraftakt wurde.
„Kreuzen ist etwas für Idioten und Christen“, habe ich da jemand im Ohr, aber wir machten uns trotzdem daran. Ziemlich ernsthaft sogar, für zwei Stunden, von einem Ende der Bucht zum anderen, wieder zurück und gleich noch mal – der Höhengewinn dabei: lächerlich. Dann kam wieder der Motor dran, und der mußte richtig ran. Segel runter und „Hebel auf den Tisch“, wie so manche mit ihren 40 PS Motoren zu sagen pflegen. Aber der Wind nahm stetig zu, die Wasseroberfläche wurde weißlich und unsere 75 PS brachten teilweise nur 1,9 Knoten ein. Die Bucht von Palma sprach ihren Willkommensgruß. Eine ganze Weile ging das so, die Küstenlinie wurde unmerklich schärfer, zeitweise, dann versank sie wieder im Dunst der tief hängenden Wolken und als wir endlich daran gehen konnten, die Koordinaten richtig zu stellen, begann der Diesel wieder Zicken zu machen. Drehzahl und Leistung gingen runter, schwankten, fast genau so wie letztens vor Mahon. Und unter den gleichen Bedingungen.
Weil die Zeit eine neue ist, habe ich alsbald Kontakt zum Statthalter Palmas, welcher mir rät, „Mach es wie die Christen, erstmal, und wenn Du dann vor der Einfahrt bist mach ich Dir was, da fällt mir schon was ein“. Der Hafen von Can Pastilla ist nicht gerade die Tiefe selbst, und mit Zwodreißig Tiefgang wird es dort stellenweise schon knapp. Zusammen mit dem schlaff werdenden Motor – ist das denn nicht eigentlich ein Segelboot? Nein, vergiß es, nostalgischer Quatsch, in solch enge Häfen wie heute segelt man nicht mehr hinein – auf jeden Fall hochinteressant.
Der Statthalter steht bereit an der äußeren Pier, es klappt weiterhin bis zur Einfahrt, erst dort stirbt die Maschine ab und auch das erst, als wir schon auf der erstbesten Untiefe genau in der Einfahrt fest hängen. Ähnlich wie bei einem Fahrgeschäft auf der Kirmes schaukeln wir uns frei, mittels Vorsegel fieren und dicht holen. Anlegen wird durch die geworfene Landleine über eine Winsch besorgt.
Noch so ‘n Durst
Kann sein, daß ich in letzter Zeit etwas oft die Alexander-von-Humboldt erwähne, aber seit ich auf der De-Store-Björn war, ist sie für mich wieder sehr präsent. Und die 2000 Meilen, die ich vorletztes Jahr im Frühling auf der “ALEX“ über den Atlantik mitsegeln konnte, beeindrucken mich nachhaltig. Das war ein zweieinhalbwöchiger Dauerkick und so was kann ich jedem nur empfehlen.
Und niemand wird, nachdem er (oder sie) zum Beispiel drei Stunden bei Wind der Stärke 7 und rollendem Schiff in einem der Masten gearbeitet hat – die Rahen der Groß-Royal oder Groß-Sky sind immerhin in 25, bzw. 28 Meter Höhe über Wasser – noch ernsthaft behaupten, daß ihm vor Langeweile die Ohren abfaulen.
Aber der Reihe nach, oder, wo es eigentlich her kommt. Aus den beiden Nächten, die wir wieder auf See verbracht haben.
Zu zweit ist auch immer ein wenig Einhand, denn eins von beiden schläft oder wenigsten ruht meistens. Und dann verbringt man große Teile der Tagesstunden mit sich allein. Sinnierend, an Ideen grübelnd, mit sich selbst im Gericht – es kommt da ja so einiges in den Sinn. Auch die immer wieder auftauchenden Fehler.
„Seefahrt. Donnerstag, den 29. März.
Nicht wie bei dem letzten Abgange des Paketboots wehte diesmal ein förderlicher frischer Nordost, sondern leider von der Gegenseite ein lauer Südwest, der allerhinderlichste; und so erfuhren wir denn, wie der Seefahrer vom Eigensinne des Wetters und Windes abhängt. Ungeduldig verbrachten wir den Morgen bald am Ufer, bald im Kaffeehaus; …..“ Das schreibe nicht ich, das schrieb Goethe gelegentlich seiner Überfahrt nach Sizilien, 1788.
Erst zwei, dann vier und schließlich sieben Tage verbrachten wir in Carloforte, auf der Isola di San Pietro, vor der Südwestküste Sardiniens. Sieben Tage warten auf Wind und sechs davon im Regen. Spaziergänge, Essen und Trinken, offen gelassene Netzzugänge finden, 2010. Und dann war es auch wirklich gut, wir wollten ja nicht der übermäßigen Kultur wegen dort sein.
Zu einem versprochenen Nordwind, welcher zwar dann von Stunde zu Stunde schwächer werden sollte, raus – zweieinhalb Meilen gegenan sollten uns dabei nicht stören, danach wäre ja dann fast Halbwind. Nach knapp zwei Stunden ganz frei von der Insel, Motor aus, Wind paßt, hinein in die Nacht. Sternenhimmel, Wind, weit und breit kein anderer zu sehen.
Bald aber zog sich der Himmel zu, der Wind nahm zu statt ab und drehte gegen morgen immer mehr nach Nordwest. Von Stunde zu Stunde höher am Wind um schließlich, nicht mehr haltbar, doch den Kurs zu ändern. Schließlich sollten wir ja in einen Bereich von Westwind kommen, welcher uns dann schon nach Nordwest bringen wird. Mit dem machen wir dann die verlorenen Meilen locker wieder gut.
Vom italienischen Bereich zu den Balearen scheint man sich schon durch unterschiedliche Wettergebiete zu bewegen. Was sich davon schon auf der Wetterkarte zeigt, kann in der Realität etwas frustrierend wirken.
Statt West ging der Wind immer mehr auf Nordwest, die angepeilte Fahrtrichtung.
Dreifacher Weg oder Diesel? Es soll ja welche geben, die nichts lieber tun als aufkreuzen. Das mag auch seinen Reiz haben, wenn man nicht schon gleich um das nächste Starkwetter weiß. Der Löwengolf sollte schon bald seinen schlechten Atem voraus schicken.
Also, hoch an den Wind, soweit es geht, und was dann noch an Tempo fehlt, bringt der Diesel. Und das kann er von mir aus auch vierundzwanzig Stunden machen, wenn es sein muß. Schließlich habe ich Gründe, um eben genau, und genau jetzt zu den Balearen zu wollen. Und im Geheimen verspreche ich mir: wenn erst mal die Balearen erreicht sind, wird sich immer ein Wind finden um den Süden Spaniens zu erreichen und Gibraltar.
But anyway, …. what shell we do with the drunken sailor,
… spend my money on Sally Brown; …
she sleeps all day and works all night,
in the Cally old marina, Serafina,
she smokes just like a chimneys deck, Serafina …
… gute Stunden mit dem Skipper der De-Store-Björn gehabt. Man trifft so Leute, bei denen man denkt: Du triffst die wahrscheinlich nie wieder, aber jede Minute jetzt ist ein Geschenk. Vielleicht Brüder im Geiste. So lange schon wieder her, aber in jedem Fall ist die Trennung, kaum daß man sich getroffen hat, schwer. Vielleicht wenn, im Gegensatz zu den herrschenden Plänen, das Schiff die mediteranen Gewässer verläßt und dann, irgendwo … Karibik, Brasilien oder wer weiß denn schon …
Aber noch sind wir ja auch selbst noch nicht raus. Mahon, Menorca.
Faule Tage in Cagliari
Die faulen Tage in Cagliari waren gut. Schöne Häuser und Paläste. Heimliche Gassen und prächtige Straßen. Botanischer Garten – ein wenig mehr Kultur kann man schon von Zeit zu Zeit brauchen.
Faule Tage – es war auf Wind zu warten. Am 24. Dezember sind wir in Cagliari, der Hauptstadt Sardiniens angekommen. 220 Meilen von Sciacca, die fast durchweg mit angenehmem Wind zu segeln waren. Nur am zweiten Tag mußten wir ab Vormittags motoren. Kein Wind, nicht der leiseste Hauch.
Was muß die Seefahrt in Zeiten vor den Motoren manchmal frustrierend gewesen sein, wenn man, vielleicht schon in Sichtweite des Ziels, vom Wind verlassen wurde. Für uns wäre das dann noch mal einen Tag und eine ganze Nacht draußen zu bleiben gewesen, 24 Meilen vor dem Hafen. Die Nacht zuvor war es rauschende Fahrt und am Morgen dann weniger und weniger.
Am 29. Dezember schließlich entschieden wir, noch über Silvester zu bleiben. Kein Wind, kein Wind, kein Wind, oder Wind aus der Richtung, in die wir wollen – über Tage. Und wer will denn so was schon aufkreuzen?
Viele, wie wir aus Reaktionen heraus finden, hören einfach bei Windstärke 6 spätestens auf, sind in Reichweite eines Hafens oder fahren erst gar nicht hinaus. Natürlich fahren wir auch nicht hinaus, wenn Starkwind angesagt ist, warten lieber erst mal ab. Aber was hilft es, wenn es einen irgendwo draußen erwischt, dann muß man eben damit klar kommen. Und dann ist es aber wieder so, daß, in der zweiten Nacht, von Sciacca kommend – wir waren auf vier bis fünf Stunden starken Wind mitten am Weg eingestellt – ausgerechnet in dem Gebiet beste Bedingungen herrschen, frischer Wind zwar aber bestens für unseren Weg. Und so eine rauschende Fahrt entschädigt für alle Warterei.
Am zweiten Feiertag mußten wir unser Boot verholen in einen anderen Teil des Hafens, weil für den Steg an dem wir lagen noch keine Genehmigung vorlag. Ist alles sehr neu hier. Der öffentliche Hafen ist Marina geworden, man rechnet mit noch mehr Tourismus. Und das heißt auch, daß nachts um 7 Uhr 30 nebenan ein Baukompressor angelassen wurde.
Wir haben am ersten Liegeplatz, noch bevor wir verlegten, den Skipper eines dänischen 50 Meter Schoners kennen gelernt. Er hat uns eingeladen sie zu auf dem Boot zu besuchen und als wir am Ablegen waren, wurden uns noch frisch gebackene Plätzchen gereicht.
Wir waren dann später wieder dort. Er hatte über die Feiertage seine Familie zu Gast und so wurde das in der Messe ein recht bunter Haufen. Mit Plätzchen, Lebkuchenherzen, sardischem Bier und italienischer Puffbrause.
Das Boot – De Store Björn – ist aus Holz gebaut, 110 Jahre alt und war bis zum Umbau 1981 (wie auch ursprünglich die Alexander-von-Humboldt) als Feuerschiff vor der Küste verankert. Ein stark gebautes Schiff mit einigen Eigenheiten, genau wie sein Skipper Klaus Bloch. Eichern, von großer Kraft und tiefer Ruhe mit einer alten Seele.
Solange wir dort, direkt vor dem Schoner, lagen konnte man die Unterschiede recht deutlich sehen. Dem gegenüber macht unser Boot den Eindruck einer winzigen Jolle, und mit fast 170 Tonnen ist De Store Björn auch ziemlich genau zehn mal so schwer wie unseres. Und die zweiunddreißig Meter Masthöhe ist der der Alexander-von-Humboldt gleich.
So ein großes Boot instand zu halten ist schon noch mal eine ganz andere Nummer, aber es sind im Prinzip auch die gleichen Arbeiten wie auf unserem. Nur mehr und größer. Und so waren die faulen Tage in Cagliari angefüllt mit Größeren- und Kleinigkeiten vieler Art.
Am Rigg mußte etwas getauscht werden, und endlich habe ich eine brauchbare Reffeinrichtung an beiden Masten angebracht, Waschkabine und Durchgang bekamen verschließbare Türen und in der Kombüse fand das viele Küchenwerkzeug seegangssicheren Platz. Es läßt sich auch, wie ich feststellen konnte, mit zwei kleinen gelben Plexischeiben und einem 58 Zoll Jagdbogen (Original Fred Bear) eine wunderbare Sperre über zwei Bücherschapps bauen. Das tut den Büchern gut und auch dem Bogen, für den sich bisher kein sicherer Platz fand. Mit Spanngurt befestigt und auf Moosgummi gelagert läßt er sich mit wenigen Handgriffen zum Gebrauch lösen – Pfeile und Sehne lagern nahebei.









