Ciao Italia
Ciao Brindisi, ciao Italia, alles was recht ist, aber wir müssen weiter. Es hat gut getan, hier zu sein, zu essen, zu trinken und den Herrgott einen guten Mann sein zu lassen. Und der Tanz im Mondschein. Westen ist die Richtung, man sagt – ich glaube es ja nicht so richtig – die Balearen wären das Angesagteste überhaupt für diesen Sommer. Einmal Ballermann und dann ins Krankenhaus, oder so.
Mit dem nächsten Norder morgen früh geht’s raus. Und wenn es Lybien wird, was soll´s, dann eben die afrikanische Seite – anyway.
Brindisi, Klappe die 2.
Alles recht und schön, aber es wird auch wieder Zeit, von hier zu verschwinden. Schon wieder zu lange an einem Ort und auch höchste Zeit, um einen Liegeplatz für den Sommer zu finden, und nur vom Lesen und den Bordarbeiten – wieder reichlich angesammelt - füllt sich die Börse nicht. Vielleicht Malta oder gar die Balearen. Was gab´s zu lesen?
Franz Dobler - Johnny Cash, The Beast In Me.
Für all jene, die bisher mit Country-Musik überhaupt nichts anfangen konnten. Ich bin so einer, und hätte nicht der Dobler darüber geschrieben, wäre das auch noch ewig so geblieben. Sicher, das Buch ist nicht mehr taufrisch – zum Siebzigsten von Cash erschienen – aber die Art und Weise wie Dobler das Thema mit der ihm eigenen Sprache behandelt, ist es wert.
Georg Stefan Troller – Dichter und Bohemiens, Literarische Streifzüge durch Paris. „…. heiratete er die um vieles jüngere Jean (Seberg) und verbrachte hinfort, wie er uns einmal klagte, einen Großteil seiner Zeit, um ihr eifersüchtig hinterher zu reisen. …Und auch Gary erschoß sich später in seiner Wohnung, ganz in Rot gekleidet, heißt es. Dieser genialische Flunkerer und Vermummer besaß also auch den richtigen Anzug für seinen Selbstmord …“
Montparnasse, Marais, Montmartre, Saint-Germain- de-Prés und all der anderen, läßt er die Geschichten der Viertel wieder aufleben – gründlich recherchiert und früh genug damit beschäftigt, um einige der Protagonisten noch persönlich kennen gelernt zu haben.
Für fünfzehn Stunden Eisenbahnfahrt genau das Richtige, (Brindisi – München, 89,50 €). Fast nichts ist so günstig wie die TrenItalia.
Anne Ancelin Schützenberger – Oh, meine Ahnen, Wie das Leben unserer Vorfahren in uns wiederkehrt. Selbst wenn man sich nicht für Systemische Therapie interessiert, allemal gescheiter Ansatz, um die eigenen Unarten, Ängste und Obsessionen ein zu ordnen, kennen zu lernen.
Kurze, gemeinverständliche Aufsätze, gut für einstündige Flüge, (Brindisi – Memmingen, 210,- €). Vermutlich wird sich hierbei aber jeder Nicht-Allgäuer fragen, wie, um Himmels Willen er von da aus weiter kommt.
Und was hat das mit „Geschichten vom Wasser“ zu tun? Hab keine Ahnung. Mein Netzmeister hat eine neue Funktion eingebaut. So können Sie jetzt unter: Pages > Kontakt mit mir in selbigen treten.
Unter Pages > Boat ist erstmals ein Foto der SERAPHINA in totale zu sehen. Ansichten dieser Art werden nun von Zeit zu Zeit erweitert.
Der DSST braucht noch dringend Spenden für die Alexander von Humboldt II, daß der neue Kahn auch zügig gebaut werden kann. Auf Kiel gelegt is sie schon. Also los, damit wir auch weiterhin auf so hohem Niveau quengeln können: rein gefasst in die Taschen und raus mit der Marie.
Und da ich gerade dabei bin – ich werde immer wieder darauf angesprochen, mehr Bilder ein zustellen, zumal im kommenden Herbst die Reise eine neue Dimension erhält. Ist da draußen jemand, der, oder die dazu eine NIKON D 300, oder auch eine gut gebrauchte D200 beisteuern möchte. Das wäre der Hit und das momentane Maximum an Werkzeug an Bord. Soweit das Aktuelle.
Weitere Bücher von Franz Dobler:
Bierherz
Nachmittag eines Reporters
Tollwut (vielleicht aus seinen schriftstellerischen
Kindertagen, aber damit zeigt er sich sicher
als einer der Besten seines Jahrgangs)
und noch andere mehr.
Brindisi / Puglia
Wenn Herr Heickel in einem seiner Pilots schreibt, daß diese oder jene Einfahrt bei Nacht problemlos anzusteuern sei, dann hat das durchaus seine Berechtigung und gibt auch Sinn, wenn dabei mindestens zwei andere Faktoren mit berücksichtigt werden: erstens, man verfügt, zusätzlich zum Pilot, über eine gute Karte, und zweitens, man steht nicht schon zwanzig Stunden ununterbrochen am Steuer. In meinem Fall war der anzusteuernde Ort genau am oberen Kartenrand und zu den zwanzig Stunden, na ja, ich muß auf das Ganze nicht näher eingehen.
Flammende Sternenfenster bei Nacht. Irisierende Lichter, schon aus zwanzig Meilen Entfernung zu erkennen – die Kennung mit acht Takten, verwirrend weil unbekannt.
Nach der langen Zeit am Steuer zweifelt das Hirn an dem was die Augen melden. Oder umgekehrt? Rotes Feuer, mit einer Taktung von acht mal blinken, dann etwa zehn Sekunden Pause. Das Feuer ist aber nicht rot sondern nur rötlich, vielleicht sogar eher orange und über die Taktung werde ich mir von Mal zu Mal unsicher. Entgegenkommend, so scheint es, eine breite Reihe von großen Fischern.
Im Pilot steht außerdem etwas von Schießgebiet und einer großen roten Flagge als Tagzeichen. Haben die dann vielleicht ein rotes Feuer bei nächtlichen Aktionen? Das wäre eine Erklärung für das rötliche Feuer. Abstand zur Küste einerseits, zum Feuer, zu den Trawlern. Wo bleibt dann eine Lücke für mich, schießen die wirklich auch nachts – auf was oder wen, rufen die einen vielleicht über Funk an?
Egal, für mich ist überall Platz. Ist ohnehin, alles was da schon zu erkennen ist, bei meiner Geschwindigkeit, noch Stunden entfernt. Aber es zieht sich auch wirklich und ich bin müde. So lange hatte ich mich ums Essen machen gedrückt. Dabei war es nur warm zu machen, weil vorgekocht. Und als ich mich dann aber dazu aufgerafft habe, mitten in der Nacht, und schließlich mit dem dampfenden Teller wieder im Cockpit saß, wars der Himmel auf Erden.
Als fünf Meilen vor der Einfahrt der Morgen graut, ist auch zu sehen, daß das Echolot schon recht hat, wenn es ständig ansteigenden Grund anzeigt – es bringt mich dazu, unverzüglich einen Haken zu schlagen, denn der dunkle Stein da vorn ist ein Schrotthaufen auf einer Untiefe. Die Kette von Trawlern entpuppt sich als auf Reede liegende Tanker und das orangerote Feuer ist tatsächlich Feuer – abgefackeltes Gas aus einem Kamin vor dem Petro-Hafen. Von Taktung und Pause keine Spur.
Mit der Sonne gerade eben über dem Horizont laufe ich in die Hafeneinfahrt von Brindisi.
Brindisi. Am äußeren Absatz des italienischen Stiefels – markiert das Ende der Via Apia. Das waren die Römer. Dafür hat man, vielleicht, römische Säulen an den Kopf einer anmutigen Treppe zur Altstadt gestellt. Von da aus gegenüber, auf der anderen Seite des Hafenarms, ist monumentales Brachialsteinwerk zu sehen, welches den Seefahrern zugedacht ist. Das war der Duce. Der wollte auch mal ein Römer werden und war geschmacklich mit seinem zeitweiligen Freund, einem oberösterreichischen Anstreicher, auf einer Linie. Das war auch länger bevor er schließlich seine Stiefel in die Höhe strecken mußte.
Etwa auf der Hälfte der Strecke der hinteren Bucht, auf der Südseite gelegen das Kastell aus dem ersten Viertel des 13.Jahrhunderts. Erbaut, bzw. beauftragt (wer hat denn schon mal einen Feudalherrscher mit der Kelle in der Hand gesehen?) von Friedrich II., anläßlich des sechsten von acht Kreuzzügen. Vielleicht wollte auch er mal so ein richtiger Römer werden, war sich aber dessen nicht so recht sicher, weshalb er sich für den ihm befohlenen Kreuzzug auch acht Jahre Zeit ließ, selbigen zu starten. Auch das ist Brindisi. Schon damals ein beliebter Ausgangspunkt diverser Aktivausflüge nach Palästina.
Für die bislang letzte Gründung einer Kreuzzugbasis ist übrigens das Jahr 1994 fest zuhalten.
Aber, ich schweife ein wenig ab. Warum das Kastell aktuell erwähnenswert ist – direkt gegenüber befindet sich die Klubanlage der örtlichen Lega Navale.
Auf dem Gelände ist außer der Bar, in welcher man außer dem üblichen Zeug noch ein paar Backwaren und Süßwaren bekommt, nichts los. Stadteinwärts jedoch, den Weg um die Bucht herum, vorbei an einer kleinen Werft, in einer Entfernung von etwa 15 Minuten zu Fuß, findet sich in einer Reihe nicht nur ein Supermarkt, sondern wirklich wichtige Läden wie Frutta e Verdura, Pasticceria, Laboratorio Pasta Fresca, Macelleria, Pesce Fresco – Namen und Bezeichnungen, die einem schon wie Moscato auf der Zunge zergehen. Und genau so sind auch die darin angebotenen Kulinarien.
Und weiter den Weg in die Stadt hinauf, das quirlige Brindisi. Café Bar an Café Bar, Schuhe, Kleider, Hosen, Hemden und mehr oder minder aufwendige Restaurants der „Fast-“ und „Regular Food“ Abteilung. Für Spaziergänger, Flaneure – man kann das machen, aber auch bleiben lassen, es bleibt sich gleich. Aber, da ist dann noch was, unauffällig in einer Seitenstraße, Glastür mit hundert Aufklebern – der unaufmerksame Passant eilt vorüber, ohne es zu bemerken. Ricchiuto, Birreria, vom Bahnhof auf dem Corso Umberto I. kommend links gleich das zweite Haus in der Via San Lorenzo. Drinnen, schmucklos fünf Meter hoher Raum, der vielleicht 1962 das letzte Mal frische Wandfarbe gesehen hat. Gleich rechts Wurstschneidemaschine, kleine Kühltheke mit Käse, Salccica, Salumi, ein Teller voll mit Tramezzini.
„Pizza? Ja, aber erst ab Sieben.“
Zurück, kurz nach Sieben – „Ja, setz dich hin, geht gleich los. Willst du was trinken?“
„Bier wär´ nicht schlecht;“
„“ Zeigt dabei auf einen dieser Glaskühlschränke mit den gängigen Modebiermarken.
„Gezapftes, groß, is mir recht;“
„Gut.“
Der Pizzaofen ist schon geheizt und ein paar Minuten später taucht ein unvorstellbar dicker Pizzabäcker auf. Ein weicher, wackelnder Gang, wie ihn sehr dicke Menschen haben und platziert sich hinter der Theke am Ofen.
Der alte Wirt wendet sich wieder an mich und fragt: „Was soll drauf auf die Pizza?“
„Mmh, alles, so was ihr halt an guten Sachen so habt;“
Die Tatsache, daß ich so gut wie kein Wort seiner Sprache, er nur etwas englisch und der Bäcker überhaupt nur so was von ganz unten südlich spricht, spielt gleich überhaupt keine Rolle mehr. Kopf nicken, hin und her wiegen, Augen verdrehen, die Mundwinkel zum Himmel, zur Seite oder nach unten und natürlich die Handbewegung, bei der sich die übrigen Finger an den Daumen legen. Zwischen mir und dem Wirt, zwischen mir und dem Bäcker und auch zwischen den beiden. Die Bestellung ist perfekt und los gehts. Mit der Fülle seiner drei Zentner macht sich der Bäcker mit unglaublicher Intensität und Zartheit an das Auswalzen des Teigs, belegt mit all den zauberhaften Zutaten und schwupp! ab in den Ofen. Und genau so schmeckt sie dann auch – wunderbar. Das Gleiche noch mal, gleich noch eine hinterher, diesmal vielleicht noch Knoblauch und etwas scharf. Das Ganze ordentlich mit Bier belitert und über den Preis für das Vergnügen will ich gar nicht sprechen, es war so unverschämt günstig.
Szenenwechsel: Filmset. Ein freistehendes Fischrestaurant, unmittelbar neben dem Kastell, ein an sich menschenleerer Platz, bis auf achtzehn Uniformierte, die sich zu gleichen Teilen aus Polizia Municipal, Polizia Stradale und Guardia di Finanza zusammen stellen. Sozusagen Zusammenstellen, denn sie stehen natürlich nicht wirklich zusammen, sondern nach Zugehörigkeit getrennt zu zweit oder zu dritt – lümmeln an ihren Wagen, unterhalten sich, beobachten die Umgegend. Unweit des Eingangs zum Lokal stehen sich mit verdunkelten Scheiben zwei ebenso dunkle Limousinen einer Sindelfinger Kraftwagenschlosserei gegenüber. Zwei in dunkle Anzüge gekleidete Zivilisten mit rasierten Glatzen, vielleicht Fahrer, vertreten sich die Beine. Das Lokal, durch von innen herunter gelassene Rollos, macht einen geschlossenen Eindruck. Aber es ist natürlich nicht wirklich geschlossen – leises Summen einer Lüftung und eine dünne, weiße Rauchfahne aus dem Kamin weisen auf Betrieb – geschlossen nur für die Öffentlichkeit.
Ob es Szene eines A- oder B-Movies wird, vermag der Beobachter …. - nein, kein Film, ganz normaler Samstagnachmittag, Largo Sciabiche, Brindisi.
Die Weltumseglerin
Was ich gerade mache? Neue Polster für den Salon waren zu machen, warten auf besseres Wetter und lesen.
Vom allerersten Buch Wilfried Erdmanns an war sie fester Bestandteil, hatte durchwegs eine tragende Rolle, wurde aber bestenfalls für einzelne Passagen zitiert. So daß bei der Lektüre der Erdmann Bücher immer der leise Wunsch blieb, man möge dazu mal ihre Sicht der Dinge erfahren. Jedoch wer davon eine Schrift in der Art, in der Frauen von berühmten Männern sich zu äußern pflegen, nach dem Motto: Kochen mit …, oder Meine 96 besten Rezepte für die Pantry erwartet, wird enttäuscht.
Salz auf ihrer Haut sei untrennbar mit ihrem Leben verbunden. Mit einer Innenschau, was Segeln, Wasser, Reisen mit dem Boot für sie bedeutet, die Magie des Segelns auf dem Meer, eröffnet sie das erste Kapitel dieses längst überfälligen Buches.
Als Astrid von Heister auf Schloß Neuhaus geboren, in Düsseldorf aufgewachsen, beendete sie ein Studium, begann einen Beruf, lernte im Alicante der späten Sechziger als Mitseglerin ihrer Mutter Wilfried Erdmann kennen, verliebte sich und heiratete diesen wenige Monate nach dessen Rückkehr von seiner ersten Weltumsegelung. „Das war der Anfang vom Ende – vom Ende meines normal-bürgerlichen Lebens“. Beginnend mit drei Jahren Flitterwochen verbrachten die beiden viele Jahre mit und auf dem Meer.
Da ist vom Atlantik die Rede, als er „noch leer war“, von Sturmfahrten, vom Nebel, wenn alles grau in grau ist und „du das Esso Emblem am Schornstein eines Tankers siehst, aber nicht das Drumherum“, vom Treffen (Sextant) und Ankommen nach vielen Tagen auf See ebenso wie monatelanges Herumtingeln im Pazifik. Was machst du in der traumhaften Südsee zwei Wochen auf einer Insel, die du an einem Tag umrunden kannst?
Sie wendet sich ebenso profanen Dingen wie Geld, Zeit, mit Kind an Bord oder Bootskauf zu, wobei sie für letzteres eine Liste liefert, zur gefälligen Abarbeitung. Und das ist gut so, sie schreibt als Frau und setzt Prioritäten, berät, schlägt vor – nie der erhobene Zeigefinger, vielmehr die offene Hand. Knappe, schnörkellose vierundvierzig Kapitel – Information satt, aber der Blickwinkel ist ein anderer.
Und wieso nun ausgerechnet dieses Buch kaufen? Weil sie auch vom Abenteuer, vom Mut, von Traum und Realität erzählt, kein Blatt vor den Mund nimmt, dabei Goethe, Hemingway, Thoreau zitiert, schöne und spannende Geschichten. Von Menschen, Begegnungen, Bildern, vom Schwimmen über dreitausend Meter tiefem Wasser, vor ungebrochenem Horizont, „mitten auf dem Ozean, erscheint einem die Erde riesengroß“. Ozean, worin sich „die Inseln verlieren wie Sterne im Weltraum“. Von Einfachheit, reduziert auf Glück und Freiheit. Falls man das vergessen hat, hier ist es nach zu lesen.
Nichts ist banal, alles lehrreich, Reisen kommt von „to rise“, sich erheben, und Träume leben ist menschliches Grundrecht.
Astrid Erdmann, „Die Weltumseglerin“, Delius Klasing
Die wichtigsten Bücher von Wilfried Erdmann zum Thema:
Mein Schicksal heißt Kathena
Tausend Tage Robinson
Gegenwind im Paradies
Die magische Route
Allein gegen den Wind
Das erste Buch wird gerade noch mal neu aufgelegt, wie ich höre, nach über vierzig Jahren des ersten Erscheinens. Das spricht für sich, gibt manchen eine Chance, da es weithin vergriffen scheint und ist auch wichtig, meine ich, zum Vergleichen, zur Einschätzung, angesichts einer Zeit, in der schon der windigste Bodenseenachen und alles was ein Segel tragen kann, Schiff genannt und mit überbordender unerlässlicher Technik voll gestopft wird.
Auch noch empfehlenswert, vor allem für jene, welche ihre mitsegelnden Partnerin nach der Art, „das habe ich dir doch schon hundert Mal …“, behandeln:
Bettina Haskamp „Untergehen werden wir nicht“, Hoffmann und Campe.
Accommodation
Also ich weiß nicht. Die Zeiten als wir wie beschäftigungslose Gladiatoren durch´s Land zogen und uns mit so allerlei zufrieden geben mußten, sind ja nun auch schon eine Weile her.
Archäologische Ablagerungen
Rastlos, heimatlos wie Odysseus, und weiter: an Deck der SERAPHINA stehend kommt man sich auch vor wie auf dem Isthmus von Ithaka. An einer Stelle stehend, sieht man zu beiden Seiten das Meer – und dazwischen Müll.
Dabei wollte ich nur mal eben Ordnung machen, bevor das Boot zwei Monate verlassen wird. Und im besonderen: das Foreship Castle noch mal trocken legen. Der Zwangslüfter darüber hat sich als ungeeignet heraus gestellt, da überkommendes Wasser dort rein läuft und alles darin befindliche näßt. Alles darin befindliche meint: es war bisher das Lager für alles, was man irgendwie oder irgendwann noch braucht, aber im Moment aus den Augen haben will – Foreship Castle eben. Ein wenig heldenhaft fühle ich mich schon, da es mir gelungen ist, zwei gefüllte Einkaufswagen voll Zeug wegzuschaffen.
Mit der Umschichtung anderen Materials an geeignetere Stellen sind das bestimmt hundertfünfzig Kilo, die da vorn nun nicht mehr „in´s Gewicht“ fallen. Zeug genug, um vorn den Wasserpass um einen halben Meter zu korrigieren – rekordverdächtig , mir rauschen jetzt schon die Ohren.
Schon so lange
„GPS? Ja, hab ich schon da. Portabel aber nur eines und das ist sehr teuer. Aber es ist auch eines der besten.“
„Eines der besten habe ich selber schon, auch teuer. Das ging genau drei Wochen und seit dem tut es was es will – meistens gar nichts.“
„Wenn du Montag oder Dienstag wieder kommst habe ich andere da. Einfache Geräte und viel billiger.“
„So lange kann ich nicht warten, da bin ich schon wieder weg.“
„Ohne GPS is aber nicht gut. Wo kommst ´n Du eigentlich her?“
„Überhaupt, oder jetzt gerade?“
„Na ja, so.“
„Überhaupt komme ich von der Türkei hoch und jetzt gerade von Paxos rüber.“
„Paxos, die Bucht Lakka – kenne ich gut. Aber ohne GPS, heute bei dem Wetter, das war nicht so lustig, oder? Wie lange hast Du da rüber gebraucht?“
„Fünf und eine halbe Stunde“, sage ich zu ihm.
„Das mache ich in genau fünfundvierzig Minuten, mit dem Jet Ski. Das mache ich im Sommer öfter, ich habe da drüben zu tun. Schwimmweste an, ohne Helm und Zack! rüber. Fünfundvierzig Minuten. Was machst Du dann eigentlich den ganzen Tag auf deinem Boot, wenn Du so lange unterwegs bist?“
„Segeln.“
„Also ich bewundere euch Jungs ja schon. Da nehmt ihr einfach euer Boot und seid weg, einfach so.“
„Ja, so ungefähr.“
„Hör zu! Ich kenne da einen, der wollte auch los, nach Brasilien. Vom Südpeleponnes nach Brasilien – keine Ahnung, der wußte nichts über Brasilien. Vielleicht gefiel im der Klang so – Brasilien. Der hatte auch ein Segelboot, sechseinhalb Meter. Von Navigation keine Ahnung, hatte auch keine Lizenz, ging ja nur sechs Jahre zur Schule. Das war damals eben so. Der wollte nach Brasilien und wußte nur, daß das im Westen irgendwo hinter dem Mittelmeer liegt. Also ist er los – war eines Tages einfach weg. Ein bißchen Geld in der Tasche und ein kleines Kofferradio. Und weil er von Navigation keine Ahnung hatte, oder auch nur eines dieser Geräte bei sich, hat er jeden Abend kurz das Radio angeschaltet und daran rum gedreht, ob er einen Sender findet. Als er dann in Landnähe kam und einen Sender erwischte, versuchte er so zu steuern, daß der Sender klarer zu hören war. Und dann war er auf einmal in Brasilien. Das gefiel ihm so gut, daß er eine Weile blieb. Stell Dir vor, ein junger Grieche mit seinem sechseinhalb Meter Boot in Brasilien. Aber er kam danach nicht nach Hause, er blieb weg, reiste weiter. So viele Länder – auf den Philipinen blieb er über drei Jahre weil es da so viel zu sehen gab – so viele Länder.
Nach sechzehn Jahren kehrte er wieder heim, und da war dann das erste Mal auf seiner ganzen Reise, daß er Schwierigkeiten bekam, mit Behörden. Zu Hause sozusagen, mit den eigenen Leuten. Und warum? Weil er keine scheiß Steuernummer hatte. Stell dir vor, der hatte keine Ahnung von so was, und bei der Einreise in Griechenland haben sie ihn nach seiner Steuernummer gefragt, aber er hatte ja keine, wußte gar nicht, daß man so was braucht.
Und Du kannst nicht am Montag noch mal kommen und die anderen Geräte ansehen?“
„Nein, das sind ja noch vier Tage, ich will weiter nach Italien.“
„Ich weiß auch nicht, irgendwie muß ich mal was tun. Ich sitze schon viel zu lange hier rum.“ Reibt sich dabei ausnehmend über den Bauch. „Vielleicht sollte ich auch mal los.“
Er steht auf, reicht mir die Hand und sagt „freut mich daß wir uns getroffen haben, freut mich wirklich sehr. Paß auf Dich auf und alles Gute.“
Wieder unterwegs
Nach einigen Tagen mit wenig Wind und annähernd glatter See, wenn man morgens aus der geschützten Bucht schaut und weit draußen ausgedehnte Schaumstreifen zu sehen sind, ist man fast versucht, eine Beschäftigung zu finden, noch einen Tag zu bleiben.
Was in dem Fall aber ein grobes Versäumnis wäre, der Wind ist nämlich moderat, mit 4 – 5, und auch noch mit fast 90 Grad
zum geplanten Kurs. Aber wo kommt nur diese Welle her? Ein bis zwei Meter – anfangs sind die zwei Meter noch selten, später aber, aus der Landabdeckung heraus, sind schon auch mal höhere dabei.
Um fünf Grad den Kurs ändern, damit sie mehr von schräg vorn kommen – so läßt sich das gut abreiten. Mein Haus, das schwimmt, und manchmal vollführt es Bocksprünge.
Alles gut, solange die Navigation paßt und die Orientierung nachvollziehbar bleibt. Doch die Wolken hängen tief, zuweilen verringern ausgedehnte Regenschleier die Sicht auf unter eine Meile.
Für alle Fälle habe ich nochmal ein GPS Gerät geliehen. Ein sehr altes Gerät, auch ein MAGELLAN wie mein stationäres, welches seine Arbeitstage mit der Suche nach Satelliten verbringt, um dann vielleicht (nicht jeden Tag) eine Position abzugeben, die dann allerdings etwa drei Meilen abseits der tatsächlichen liegen kann. Und auch ein MAGELLAN, wie mein nagelneues, portables. Heiß beworben – TRITON 1500 – es sei das Beste und Feinste vom Besten und Feinsten. Tatsächlich aber ist der TRITON 1500 noch nicht mal den Sauerstoff wert, der nötig, um den Namen auszusprechen.
Viele Stunden hat ein Freund in Lefkas mit seinem Rechner im Netz verbracht, um Software Updates und Verfeinerungen auf das Gerät zu laden, zu reparieren. Mit aller Mühe und Sorgfalt – das Ergebnis: zwei Stunden astreiner Betrieb und dann eine ausgeklappte Fehlermeldung mit der Aufforderung, man möge doch gefälligst der Programmverkäufer kontaktieren. Man stelle sich diesen Moment auf hoher See vor.
Nun, das geliehene Gerät tut es schon soweit, findet nach dem Einschalten innerhalb einer Stunde seine Position, welche dann auch recht exakt ist. Was den MAGELLAN Geräten aber allesamt zuwider zu sein scheint, ist Bewegung, also genau das, weswegen man sich ein auf Signalen von Satelliten beruhendes, weltweit funktionierendes Hilfsmittel zur exakten Navigation oder Ortsbestimmung anschafft. Also, solange man sich mit meinen Geräten still an einem Ort …., aber soll ich den geneigten Leser mit der Ausführung solcher Gedanken langweilen?
In besagtem Fall ist es also schon etwas Nerven aufreibend, sich mit Karte und Fernglas an einer Küste entlang zu hangeln, wenn die Okulare nur graue Suppe zeigen. Das wäre fast zum Mäuse melken, gäbe es nicht da noch, und das fordert jeden Steuermann immer wieder heraus, die Tiefenlinien der Karte. Sehr interessant an der Südostküste von Korfu, da die zehn Meter Linie bis zu zwei Meilen vor der Küste entlang läuft. Und dann sind da noch hingeworfene Steine – das Spiel der Götter.
Lefkas
Ankunft am Tag vor Silvester. Ende des ersten Teils oder nur Station, wer weiß das? Jedenfalls Gelegenheit, inne zu halten und darüber nach zu denken, was denn da eigentlich vor sich geht. Auch Gelegenheit, längst fällige Dinge zu erledigen.
Lange Gespräche mit Freunden, Bestandsaufnahmen. Doch ein Endpunkt, einen Platz für das Boot für die nächsten drei Monate, Flugmöglichkeiten einholen?
Zwei Tage später liegen schon neue Karten auf, der Zirkel wandert, Handbücher aufgeschlagen neben dem Morgenkaffee. Die Angst, fest zu wachsen, nicht mehr los zu kommen sitzt schon im Nacken. Um den Eindruck zu verstärken knallt ein Hoch mit 1031 aufs Wasser, läßt den blanken Winterhimmel auf dem glattesten aller Spiegel prangen – nicht das leiseste Kräuseln.
Zwei Gründe nur, die einen in die Heimat treiben: die Sehnsucht nach dem geliebten Weibe und dann vielleicht, schwindende Barschaft. Der Erste rechtfertigt jede Unvernunft, jede Missetat und jede Flucht; der Zweite, nichts.
Schwarze Räuber
Mit verschieden farbigen Augen, meist eines davon hellblau und einen Blick drauf – zum Steine erweichen.
Am Rande des wilden Hafens von Mesalongi – ich bezeichne ihn mal als wild, obwohl einige Anstrengung unternommen wird, um genau diesen Eindruck zu vermeiden – dort, wo jeder tut was er will und jeder den anderen sein läßt, verwilderte Salzbrachen, Salzgräser, Wiesen, dort leben die wilden Hunde.
Zwei Rudel, nein, Banden sind da unterwegs. Hundebanden, wie Buben Banden bilden und um die Gärten ziehen. Gekläffe, Gebell laut und sehr Respekt erheischend, dabei treffen sie sich einfach dann und wann tagsüber, ziehen aneinander vorbei. Es ist ein beschauliches, sinnliches Hundebandenleben. Zu essen gibt es genug, man muß nicht darum kämpfen. Keiner hat ernstliche Verletzungen oder Kampfspuren. Man zieht eben umher, täuscht Gefährlichkeiten vor. Lagern unter Büschen, am Wegrand, lümmeln sich an Baumstämme.
Einige sondern sich ab, in verschiedene Richtungen, haben Nachwuchs und erinnern sich an Rudelleben. Ein wenig mißtrauisch die Alten, haben die Jungen keinerlei Berührungsangst, suchen geradezu, erforschen Kontakt. Tapsen um den Zweibeiner, verdrehen ihre Köpfe nach oben. Kann eigentlich irgend jemand jungen Hunden widerstehen? Nein, jungen Hunden rennt man hinterher, man wird erlegt von ihnen, wirft sich hin, begreift, begrabscht und zauselt das weiche Hundekinderfell, während sie siegesbewußt auf einem turnen, beschnüffeln und die Ohren lecken.
Man wird erlegt von jungen Hunden, oder gibt den Harten, schüttelt sich den Staub aus der Hose und zupft die Halme vom Pullover. Setzt eiligen, festen Schrittes seinen Weg fort, auch was vortäuschend, ein fernes dringendes Ziel.
Wenn abends dann die Sonne vom winterklaren Himmel getaucht, noch kaum die Dunkelheit erfüllt, kommt noch so eine Erinnerung vom frühen Leben – sie heulen, singen gemeinsam ihr Lied in die Nacht.




